Die Sherlocks von gestern und Waltons von heute

 von Dominik Achtermeier (1. November 2016)

 

 

Wir leben, lieben, trauern, fürchten, gruseln und freuen uns mit ihnen. Sie sind unsere Weggefährten, Leidensgenossen und Vorbilder, denen wir in allen Lebenslagen treu bleiben. In ihren Abenteuern verlieren wir uns oder reiben uns vielleicht auch das ein oder andere Mal an ihren Entscheidungen. Sollten sie in ihrer Welt irgendwann einmal das Zeitliche segnen oder der allerletzte Abspann läuft vor unseren Augen dahin, so können ihre Schöpfer gewiss sein, dass die Figuren, ihre markanten Charakterzüge oder ihr Wortwitz in unseren Köpfen, Gedanken und Gesprächen weiterleben.

Eine Frage des Geschmacks

Der Schweizer Verlag Edition Olms hat nun das 960 Seiten schwere Buch der Bücher für Serienfans – erstmalig in deutscher Sprache übersetzt – auf den Markt gebracht und versorgt mit 1001 TV-Serien und Shows, die sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist jeden Serienjunkie mit bunt bebilderten Einblicken und eingängigen Inhaltsangaben. Internationale Erfolgsproduktionen, wozu ganz versteckt vor all den amerikanischen und britischen Tops und Flops auch die deutschen Aushängeschilder wie die Lindenstraße oder Weissensee gehören, hat Herausgeber Paul Condon nach dem Jahrzehnt ihrer Erstausstrahlung chronologisiert und leserfreundlich aufbereitet. Sein Meisterwerk – mit einem Vorwort von Sherlock-Schöpfer Steven Moffat – liegt nur schwer in der Hand, doch das verzeiht man gern bei der inhaltlichen Fülle, die der Fernsehgeschichte seit 1950 gerecht werden will. Mit kleinen Abstrichen schafft Condon dies auch, nur eben sehr amerikanisiert und angereichert an TV-Shows, zu denen er auch die für den englischsprachigen Raum typischen Latenight- und Talkformate zählt. Der Serienbegriff wird so zu einem sehr dehnbaren Konstrukt und verliert sich an in sich verschwimmenden Grenzen. Allem gerecht zu werden ist nicht immer die einfachste Disziplin, Etikettenschwindel zu betreiben eine damit einhergehende Gefahr, der man sich nicht unterwerfen darf. Die Amerikanisten werden an diesem Werk, welches anhand der Fernsehproduktionen, ihren Themen und Genres durchaus auch die Menschheitsgeschichte der vergangenen 50 Jahre nachzeichnet, sicherlich ihre Freude haben. Sollten sie darüber hinaus auch noch begeisterte Zuschauer von Serien und dem Fernsehen – dem laut Film- und Fernsehwissenschaftler Lorenz Engell wohl wichtigsten Massenmedium der vergangenen 60 Jahre – sein, bleibt nur die unausschlagbare Einladung: Hereinspaziert ins Paradies auf Erden!

Von Antihelden und Vorbildern

Einhergehend mit der Geburt sämtlicher Streamingdienste entwickelte sich eine neue Ära für die Serie. Zuschauen, einschalten, mitfiebern und dies wo, wann und wie lange man will, revolutionierte das bis dato lineare Fernsehen, in dem der Sender entschied, in welchen Dosierungen das Medikament Serie verabreicht wurde. Dass immer auch ein Suchtpotenzial gegeben ist, wissen wir schon länger, nun aber sind die Zuschauer selbstbestimmter, erwachsener geworden. Man lässt ihnen Entscheidungsfreiheiten und übergibt ihnen die neue Welt der Sehgewohnheiten. Auch Condon gelingt es, mit 1001 TV-Serien und Shows, die sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist genau diese Freiheiten in Wort und Bild zu übersetzen. Seine Chronik kann daher als Nachschlagewerk, als Entscheidungshilfe oder aber auch als Sammlung alter Klassiker und neuer Kassenschlager verstanden werden. Wie wäre es also mit einer vielleicht erstmaligen Sichtung der britischen Comedyserie Till Death Us Do Part (1966-1975) mit dem Antihelden Alf Garnett, der mit dieser bitterbösen Satire zum Vorbild des deutschen Ekel Alfred in Ein Herz und eine Seele (1973-1976) wurde? Besonders machen die Lektüre auch die Infoboxen, die meist auf eine bestimmte Folge verweisen, die aufgrund spezifischer Handlungen besonders sehenswert ist. Auch Verweise auf Auszeichnungen sowie genreähnlichen Formaten (»für Fans von…«) machen dieses umfangreiche Werk zu einem Must-Have eingefleischter Serienliebhaber. Besonders die jüngeren Serien unserer Zeit spiegeln dem Leser wider, dass sich die weltweiten Produktionsfirmen nicht nur an früheren Kultformaten bedienen, sondern so viele Genres wie möglich bedienen wollen, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Hybridformate, also Mischungen verschiedener Genres, sind da nur der logische Schluss. Was wäre Downton Abbey (2010-2015) schon ohne den Witz einer Countess of Grantham oder die Schicksalsschläge jedes einzelnen, ganz egal ob des Adel- oder Dienstbotenstandes?

 

Paul Condon (Hrsg.)
1001 TV-Serien und Shows die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist
Mit einem Vorwort von Steven Moffat
Edition Olms 2016
960 Seiten
29,95 Euro