Chronik einer Traumfabrik

von Dominik Achtermeier (20. November 2016)

 

 

Das Markenzeichen seines Imperiums war nicht nur eine Maus, die in ersten Kurzfilmen Filmgeschichte schrieb, sondern eine Bandbreite an Figuren, die wir bis heute gerne wiedersehen. Walt Disney etablierte sich durch die von ihm produzierte, aufwändige Kunst des Trickfilms auf der gesamten Welt zum Markenzeichen für spannende Unterhaltung, fabelhafte Zeichentrickinszenierungen, Detailgenauigkeit in Plot, Bildgestaltung und Vertonung. Der nun von Daniel Kothenschulte herausgegebene und im TASCHEN-Verlag veröffentlichte Bildband Das Walt Disney Filmarchiv. Die Animationsfilme 1921-1968 nimmt uns mit auf eine entdeckungsreiche Zeitreise von den Ursprüngen des Animationsfilm-Genres bis hin zu grandiosen Erfolgshits Ende der 1960er Jahre. Vorhang auf für ein Wiedersehen mit Pinocchio, Bambi, Cinderella, 101 Dalmatiner und natürlich Mickey Mouse.

Strich für Strich

Mit seinem Umzug von Kansas City nach Los Angeles im Jahre 1922 eroberte Walter Elias Disney gemeinsam mit seinem Team aus Zeichnern und Storylinern das Herz des amerikanischen Filmbusiness Hollywood. Er selbst legte die Stifte und Pinsel aus der Hand und machte seine Firma zum weltweit bekanntesten Trickfilmstudio. Die Langspielfilme setzen 1931, drei Jahre nach der Premiere von Steamboat Willie, dem ersten, knapp acht Minuten langen und vertonten Zeichentrickfilm – der Geburtsstunde von Mickey Mouse, der bis heute beliebtesten Cartoonfigur aus dem Hause Disney –, ein.

Die Veröffentlichung des umfangreichen und gewichtigen ersten Bandes dieser Disney-Chronik ist vor allem für das englischsprachige Publikum und Fans der bunten bist in die Tiefe gehenden Märchenwelten gedacht, da alle Texte und Bildunterschriften in Englisch abgedruckt sind. Doch der TASCHEN-Verlag macht seinen deutschen Lesern in Form eines deutschsprachigen Begleitheftes ein besonderes Geschenk, sodass erst keine Übersetzungsschwierigkeiten aufkommen können. Neben den 1500 Abbildungen sind es vor allem die Essays namhafter Disney-Experten, die den Blick auf die Animationsfilme erweitern und den Werdegang Walt Disneys bis zu seinem letzten Erfolg Das Dschungelbuch (1967) nachzeichnen.

Der Animationsfilm lebt

Die Lektüre erweckt die altbekannten Bilder erneut zum Leben, führt mit exklusiven, gut recherchierten Hintergrundinformationen in die Geschichte hinter den Geschichten ein, zeigt anhand von Skizzen, Storyboards sowie regelrechten Gemälden der unterschiedlichsten Settings die detailgetreuen Vorbereitungen der Animationsherstellung. Der Weg von der Idee über die Umsetzung bis zur Ausstrahlung im Lichtspielhaus verdeutlicht dem Leser dieses gewaltigen Geschichtswerkes schnell, dass nicht erst mit den modernen Animationsfilmen um die Jahrtausendwende (Findet Nemo, Ice Age und Co.) ein neues Genre entstanden ist, sondern dass der Disneyfilm in all seiner Breite und Vielfalt bereits seit den 1930er Jahren immer neue Maßstäbe gesetzt und den Animationsfilm als feste Größe in der Filmindustrie etabliert hat. Disney experimentierte und entdeckte immer neue technische Möglichkeiten, seine Zuschauer zu überraschen und sie in die animierte Welt eintauchen zu lassen.

Einige Geschichte, wie etwa die Märchen der Gebrüder Grimm, dürften den Zuschauern wohl bereits vor den Kinobesuchen bekannt gewesen sein, doch ab sofort bekamen die altbekannte Kinder- und Hausmärchen ein Gesicht. Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937), Cinderella (1950) und Dornröschen (1959) lebten, sie hatten Gefühle und Ängste, Träume und Sehnsüchte. Natürlich blieb es nicht nur bei den Grimm’schen Märchenstoffen, sondern man erfand Figuren, die mit ihren Abenteuern bis heute Klein und Groß begeistern. Bambi (1942), Taddäus Kröte (1949), Susi und Strolch (1955) oder Winnie Puuh (1966/1968) – wer kennt sie nicht?

Spätestens mit der Disney-Adaption von P. L. Travers’ Mary Poppins (1964) gelang Walt Disney die völlige Verstrickung von Mensch und Trickfigur. Disney gelang mit einem der bis heute wohl bedeutendsten Filme der Animationsfilmgeschichte der perfekte Clou, indem nicht nur die Schauspieler flogen, sondern gemeinsam mit den Trickfiguren singend und tanzend die Zuschauerherzen eroberten.

Fazit: Ein Sachbuch der Extraklasse für Disney-Liebhaber, die neben dem Kinobesuch oder der heimischen Filmsichtung auf DVD weiter eintauchen wollen in die Zeichnungen, Technik und Stoffe, aus denen Walt Disney Leinwandträume schuf.


Das Walt Disney Filmarchiv. Die Animationsfilme 1921-1968
Daniel Kothenschulte (Hrsg.)
TASCHEN 2016
624 Seiten
150 Euro