»Die Bibel ist immer noch ein verdammt gutes Buch!«

von Tina Betz (27. November 2016)

 

 

Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel haben es sich in ihrem Tagebuch der Menschheit zur Aufgabe gemacht, die noch unentdeckten und verborgenen Seiten der Bibel zu enthüllen. Unter Zuhilfenahme anthropologischer und evolutionsbiologischer Forschung entwickeln sie eine neue Lesart des Buches der Bücher. Die Autoren haben dabei nicht den Anspruch, religiöse Lesarten oder die historisch-kritische Exegese infrage zu stellen, sondern sie verfolgen das Ziel, die Bibel als Zeugnis der anthropologischen Entwicklung lesen. Den Beginn dieses Projekts markiert klassisch die Schöpfungserzählung im Garten Eden, worauf sich eine genauere Betrachtung der fünf Bücher Mose (Pentateuch/Thora), der Geschichtsbücher (Bücher der Könige/Propheten) und der Schriften (Psalmen und Hiob) anschließt. Den Abschluss bilden schließlich das Neue Testament und die historische Entwicklung des Christentums.

Vom Garten Eden, Sehnsucht und überaus menschlichen Problemen

Das Tagebuch der Menschheit besticht durch einen zeitgemäßen und pointierten Schreibstil der Autoren, der den Leser nicht nur an vielen Stellen zum Schmunzeln bringt, sondern ihm außerdem den Zugang zum Thema erleichtert. Trotz der Fülle an Forschungsergebnissen gelingt es den Autoren, dem Leser einen ersten Einblick in eine komplexe Thematik zu geben. Sie befinden sich im Hinblick auf die historisch-kritische Exegese und die Literaturgeschichte Israels auf dem aktuellen und allgemein anerkannten Forschungsstand, dennoch greifen die Erläuterungen an einigen Stellen zu kurz. So ziehen sie ihre Thesen im Bereich der Schöpfungserzählung nicht nur aus der Eden-Erzählung, sondern vermischen diese mit der vorangestellten siebentägigen Schöpfungserzählung, die deutlich jünger ist als die Paradieserzählung. Zwar bemühen sich die Ausführungen, eine Einführung in das jeweilige biblische Buch zu geben, was allerdings an einigen Stellen, wie etwa beim Thema Hiob, zu einer starken Vereinfachung führt. Einerseits gelingt es van Schaik und Michel hervorragend, ihre Erkenntnis (populärwissenschaftlich) aufzuarbeiten, andererseits fehlt ihnen trotz sorgfältiger Recherche das fachwissenschaftlich-exegetische »Handwerkszeug«, wodurch einige Abschnitte Gefahr laufen, komplexen Zusammenhängen nicht gerecht zu werden. Der große Verdienst der beiden Autoren liegt darin, die Bibel zu »entstauben« und mit einigen gängigen Vorurteilen über den ewigen Bestseller aufzuräumen. Sie bringen die Bibel mit einer zutiefst menschlichen Dimension in Zusammenhang und zeigen so, was diese Sammlung von Texten wirklich ist: Der Versuch, das Leben und die Beziehung zu Gott zu bewältigen. Der anthropologische Ansatz schafft es, in einigen Teilen Ordnung in das »Tohuwabohu« von festgefahrenen und missverstandenen Thesen zur Bibel zu bringen, dennoch sollte sich der Leser bewusst sein, dass es sich um ein populärwissenschaftliches Werk handelt, dem es infolgedessen nur bedingt gelingt, ein »wasserdichtes« Wissensfundament für sehr verschiedene und komplexe Gebiete zu vermitteln. Letztendlich bewegen sich van Schaik und Michel oft nur an der Oberfläche der biblischen Texte und lassen sehr viele Aspekte unangetastet. Nichtsdestotrotz zeigen sich in ihrem Tagebuch der Menschheit einige interessante Ansätze, die weder mit einer historisch-kritischen noch mit einer gläubig-christlichen Lesart konkurrieren, sondern diese möglicherweise sogar bereichern könnten.


Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät
Carel van Schaik, Kai Michel
Rowohlt 2016
576 Seiten
24,95 Euro