Bunte Gerichte für bunte Geschmäcker, aber vegan!

von Sandra Kolbinger (9. Januar 2017)

 

 

Seit geraumer Zeit findet sich ein neuer Hingucker in der Abteilung für Kochbücher. Die Rede ist von Helene Holunders handlichem Buch Meine Familie isst vegan mit dem bezeichnenden Untertitel Rezepte für mehr vegan im Alltag. Der Titel ist Programm, sollen doch ganz unterschiedliche Bedürfnisse gestillt werden. Die Autorin erkennt klug die heutige Problematik für eine ganze Familie nur ein Gericht zuzubereiten – der eine verträgt keine Milch, der andere hat eine Nussallergie, der nächste braucht eine individuelle Diät und dann sind da noch jene, die sich für einen speziellen Lebenswandel entschieden haben. Das, was eigentlich verbinden soll, das Essen, trennt plötzlich. So hat Holunder es sich zur Aufgabe gemacht, Rezepte zu entwickeln, die nicht nur vegan sind, sondern auch Nicht-Veganern schmecken. Wer sich umhört, weiß, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind…

So schwer das Ziel zu erreichen, so leichtfüßig bahnt sich Holunder ihren Weg und auf diesem ist ein wunderbares Buch voller Farben, Anregungen und Tipps entstanden. Bereits das Cover lässt erahnen, in welcher Tonlage das gesamte Werk verfasst ist – nämlich sympathisch und ohne jede Distanz. Man bekommt keinen sterilen Kochunterricht und Zutatenlisten, die zuerst eine Enzyklopädie und dann einen teuren Feinschmeckerladen erfordern. Stattdessen findet man Familienanekdoten und Varianten – zum Beispiel mag der Sohn der Autorin seine Guacamole auf eine ganz spezielle Art oder die »Haselnusscreme« war den Kindern zu erwachsen und Holunder überlegte, wie sie dem Abhilfe verschaffen kann. Dementsprechend steht bei jedem Rezept eine kleine Einleitung, wie es Einzug in den Familienalltag gefunden hat, wofür es eventuell besonders geeignet ist oder woher die Inspiration kommt. Und die lässt sich sehen! Denn neben dem schon erwähnten Wunsch, dass es allen schmecken soll, werden auch zwei doch eher verschiedene Regionalküchen kombiniert. Die Rede ist von jenen aus Norddeutschland und Kalifornien. Letzteres sogar noch mit den mexikanischen Einflüssen. Wer sich nun aber denkt, ich koche nicht vegan, um Lebensmittel vom anderen Ende der Welt zu importieren und damit erst recht wieder auf moralisch wackeligen Boden zu geraten, der sieht sich in guter Gesellschaft. Die Autorin versucht, in ihrer Küche nur regionale Produkte zu verwenden und so finden sich auch gelegentliche Hinweise, dass zum Beispiel ein Gericht, in Deutschland zubereitet, eher für den Winter geeignet ist.

Ein Kochbuch besteht aber natürlich nicht nur aus dem Hintergrund und der Aufmachung – auch wenn es hier mit den romantischen Fotografien der Speisen wirklich sehr gelungen ist. Nein, es soll auch gekocht werden! Und das kann man wirklich. Die Rezepte sind einfach, aber nicht einfallslos und dokumentieren jede Station bis zum Servieren. Damit gelingt auch einem Anfänger jede kulinarische Höhe und macht großen Spaß. Die Bandbreite reicht von Aufstrichen und Dips über Frühstück, Suppen, herzhaften Salaten bis zu den vielfältigsten Desserts. So ist unter anderem die »Himbeertarte mit Marzipanfüllung« schlichtweg genial. Sehr schnell und einfach zubereitet und im Mund ein Hochgefühl. Wenn sich Besuch spontan ankündigt, kein Problem, denn in zwanzig Minuten steht sie noch warm und knusprig neben dem Kaffee auf dem Tisch. Oder der geradezu grandiose »Quinoa-Salat mit Zucchini vom Blech und karamellisierten Walnüssen«…

Das wirklich Tolle an Holunders Rezepten ist, dass sie einen bei der Hand führen und so über einen selbst hinauswachsen lassen. Denn schnell beginnt man die Ideen aus Meine Familie isst vegan abzuwandeln und zu kombinieren. Ein Salatdressing etwa schmeckt auch auf anderen Speisen ausgezeichnet und warum nicht einmal anderes Gemüse und Obst verwenden? Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass die Autorin aufmerksam macht, wie man die unterschiedlichen veganen Milcharten sinnvoll einsetzen kann. Das eine Mal empfiehlt sie Reismilch, ein anderes Mal jene aus Hafer oder Soja. Wenn man experimentiert, bemerkt man schnell, dass ihre Überlegungen Hand und Fuß haben. Diese Erkenntnisse helfen dann bei den eigenen Versuchen, ebenfalls ein großer Erfinder in der Küche zu werden. So wie Helene Holunder.

Ob man selbst vegan lebt, Veganer bekochen möchte oder auch einfach nur nach neuen Inspirationen sucht, man sollte beim nächsten Besuch der Kochbücherabteilung nicht an diesem Titel vorbeigehen. Meine Familie isst vegan bietet Rezepte, die tatsächlich jedem schmecken, ganz gleich von welchem Food-Heimatplaneten er oder sie stammt.

 

Helene Holunder
Meine Familie isst vegan. Rezepte für mehr vegan im Alltag
Thorbecke Verlag 2016
136 Seiten
19,99 Euro