Ein Berg schreibt Geschichte

von Katharina Stahl (21. Februar 2017)

 

 

Es war ein Ereignis, das den Lauf des Weltgeschehens verändern sollte: Der Ausbruch des Vulkans Tambora im Jahr 1815 stürzte nicht nur Indonesien ins Chaos. Auch auf globaler Ebene löste die Naturkatastrophe eine ganze Reihe verhängnisvoller Entwicklungen aus. Der Historiker Wolfgang Behringer, einem breiten Publikum durch seine Kulturgeschichte des Klimas bekannt, widmet sich in seiner neuen Bibliographie den mittelbaren und unmittelbaren Folgen jener Eruption. Seine Untersuchungen zur sogenannten »Tambora-Krise« schlagen einen Bogen von der Klima- zur Sozialgeschichte, von der Wirtschaftshistorie zur Kunst. Gewissenhaft recherchiert und anschaulich erzählt, schärft Behringers neueste Publikation unser Bewusstsein für historische Zusammenhänge und die eindrucksvolle wie bedrohliche Macht der Natur.

Der Hölle Rache

Für die Bewohner der indonesischen Insel Sumbawa muss es ein schrecklicher Anblick gewesen sein: Ihr friedlicher Berg, der »Gunung Tambora«, offenbarte in der Nacht des 5. April 1815 sein wahres Wesen. Nach einem jahrhundertelangen Schlaf erwachte der Vulkan mit einer gewaltigen Eruption, die das Inselreich mit einem tödlichen Ascheregen überzog und tausenden Menschen das Leben kostete. Noch über Wochen hüllte der Staub den indonesischen Archipel in Dunkelheit, Tiere gingen zugrunde und es kam zu einer Massenauswanderung. Die direkten Folgen der Katastrophe, so verheerend sie auch sein mögen, spielen in Behringers Band jedoch nur eine marginale Rolle. Sein Schwerpunkt liegt auf den Langzeitwirkungen der Eruption – der »Tambora-Krise« mit ihren weltweiten Auswirkungen.

Die durch den Tambora ausgestoßene Asche und das Schwefeldioxid gelangten in die Stratosphäre und lösten einen »vulkanischen Winter« aus. Das Folgejahr der Eruption, 1816, ging folglich als »Jahr ohne Sommer« in die Geschichte ein. Schlechte Ernten führten zu Hungersnöten und einer weltweiten Teuerung, Dauerregen und Stürme schürten die Furcht vor dem drohenden Weltuntergang. Der religiöse Fanatismus erlebte eine neue Blütezeit und führte zu einer fatalen Welle des Antisemitismus, welcher sich auch im beschaulichen Franken in gewaltsamen Übergriffen entlud. Krankheiten wie Typhus und Cholera erlebten einen Siegeszug um den Globus, der unzähligen Menschen den Tod brachte. Die Folgen des Tambora-Ausbruchs warf die Gesellschaften des 19. Jahrhunderts um Jahrzehnte zurück – und führte doch zu Neuerungen, die den Weg in die Zukunft weisen sollten. Die Not der Arbeitslosen ließ Hilfsorganisationen entstehen, ebnete den Weg für Sozialreformen und trug zur Erosion des Klassensystems bei. Um Neuerungen in der Landwirtschaft zu fördern, setzten die Herrscher von Bayern und Württemberg auf Veranstaltungen zwischen Messe und Volksfest – die Geburt des Oktoberfests und des Cannstatter Wasens. Auch auf der Ebene der Kunst fand der Vulkanausbruch Eingang: Während William Turner die spektakulären Sonnenuntergänge, hervorgerufen durch Partikel in der Atmosphäre, auf Leinwand bannte, erschuf die junge Autorin Mary Shelley im verregneten Sommer 1816 ihren Frankenstein.

Wolfgang Behringer verknüpft in seinem Buch zur Tambora-Krise eindrucksvoll Klima- und Sozialhistorie, Geschichts- und Naturwissenschaft. Seine Analyse der kurz- und langfristigen Folgen der Katastrophe weckt Demut – vor der Unberechenbarkeit des Weltgeschehens, vor allem aber vor der Macht der Natur.

 

Wolfgang Behringer
Tambora und das Jahr ohne Sommer – Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte
C.H.Beck 2015
398 Seiten
24,95 Euro