Die Bedingtheit zweier Disziplinen

von Dominik Achtermeier (20. März 2017)

 

 

Das aktuell herausgegebene Handbuch Literatur und Religion von Daniel Weidner bringt zwei Wissenschaften zusammen, die im wissenschaftlichen Diskurs zwar häufig schon zusammen gedacht, jedoch nie so komplex aufeinander bezogen und in ihrer Bezogenheit zueinander sichtbar gemacht wurden. Vor dem Hintergrund des abendländischen Kultursystems nähern sich die versammelten Beiträge des Handbuchs einer Wechselseitigkeit literarischer Einflüsse auf Religion sowie religiöser Einflüsse auf Literatur.

(Wieder-)Entdeckungen

Interessant ist bereits die Komposition des Handbuchs, das sich im ersten Kapitel unter der Überschrift »Zugänge« in erster Linie dem Forschungsfeld Religion widmet. Diese Priorität versinnbildlicht einen Zugang, der versucht, Religion einerseits definitorisch gerecht zu werden, andererseits den Einfluss religionsphilosophischen Themen in den Literaturtheorien seit dem 18. Jahrhundert zu entschlüsseln, um so eine historische Bedingtheit beider Disziplinen aufzuzeigen.

Neben solchen Deutungsversuchen liegt ein besonderes Augenmerk auf einer kulturtheoretischen Verortung, die anfangs nicht nur am naheliegendsten scheint, sondern in der Argumentation schließlich auch aufgeht. Sowohl Religion als auch Literatur stellen sich als anthropologisch begründete Erzeugnisse dar, die in ihren Grundbedingungen und ihrem jeweiligen Wesen einen Zweck für den Menschen erfüllen. Der Herausgeber verortet die bis heute anhaltende Präsenz theologischer Einflüsse zurecht im »Kontext der (Wieder-)Entdeckung von Mensch und Kultur […] des 20. Jahrhunderts«. Auch der Literaturbetrieb artikuliert sich bis heute in einem religiös geprägten Jargon. Hier ist die Sprache von modernen Propheten, dort die Genres des Bösen, der Sünde oder der Apokalypse.

Fundierte Inhalte

Das Handbuch hilft dem Leser nicht nur, einen fundierten Überblick über die sich historisch entwickelten Disziplinen, etwa innerhalb der Epochen der Literaturgeschichtsschreibung, zu bekommen, sondern stellt sich ferner der Veranschaulichung sämtlicher literarisch wie theologisch kennzeichnender Gattungen (u. a. Legende, Gleichnis, Autobiographie sowie Tora, Bibel und Koran) und Figuren (u. a. Auferstehung, Glaube, Paradies oder Tradition), die von den Autoren verständlich aufbereitet und in einem diskursiven Rahmen vorgestellt werden. Verweise zu anderen Inhalten zeugen von breit gesteckter Interdisziplinarität und einem endlosen Spektrum an Interpretationszugängen, die der wissenschaftlichen Praxis nur dienlich sein können. Und doch setzt das Gesamtwerk mindestens religiöse Grundkenntnisse, wenn nicht ein theologisches, wenigstens aber kulturwissenschaftliches Studium voraus, um das Handbuch an sich auch zielgerichtet einsetzen zu können.

 

Daniel Weidner (Hg.)
Handbuch Literatur und Religion
J.B. Metzler 2016
484 Seiten
99,95 Euro (Hardcover)
76,99 Euro (eBook)