Auf den Zahn gefühlt

von Svenja Zeitler (08. Mai 2018)

 

 

Jetzt mal ehrlich: Kein Mensch geht doch wirklich gerne zum Zahnarzt. Was soll man diesem Erlebnis mit bestimmt vier verschiedenen Gerätschaften im Mund, die vor sich hin pusten, brummen und saugen auch abgewinnen? Und auch die Unterhaltungen, bei denen eine Gesprächsseite nur aus verzweifeltem Gurgeln besteht, sind nicht das Wahre. Doch seit einigen Jahrzehnten wird den Menschen die Zahngesundheit immer wichtiger, ist präsenter in den Köpfen und in der Erziehung unserer heutigen Kultur. Im Buch Mut zur Lücke – Kunst und Geschichte der Zahnheilkunde erkundet Richard Barnett die Anfänge der Zahnmedizin bis heute und illustriert so ein faszinierendes Fachgebiet mit bewegter Geschichte. Also: Keine Angst vorm Zahnarzt!

Was einem beim Anblick und beim Öffnen des Buches zunächst auffällt, ist, dass es sich wirklich nicht nur um ein ödes Fachbuch handelt, sondern der Aspekt der Kunst eine große Rolle spielt. Auf etlichen Seiten erblicken wir Fotografien, Bilder und Zeichnungen, die eine unweigerliche, wenn auch sehr ungewöhnliche Ästhetik besitzen.

Zähne wohin man blickt: Von Zeichnungen interessanter, aber auch grausam aussehender Instrumente, über Fotografien von einzelnen, säuberlich aufgereihten Zähnen und altertümlichen Gemälden von Zahnarztbesuchen, bis hin zu den wunderschönsten Vintageverpackungen alter Zahnpflegemittel – hier ist dem Auge einiges geboten. Dem Leser wird von Anfang an deutlich gemacht, dass der Gegenstand dieses Buches wirklich aus einer künstlerischen Perspektive betrachtet werden kann.

Doch natürlich kommt auch der lehrreiche Aspekt nicht zu kurz. Barnett arbeitet sich durch die verschiedenen Zeitalter der Menschheits- und damit auch der Zahngeschichte. Bereits lange vor Christus wurden von den Pharaonen imposante Grabmäler für ihre Zahnpfleger errichtet. Jahrtausende darauf hatten die Dentisten allerdings mit einem extrem negativen Image zu kämpfen, was ihnen lange anhaftete. Mit der Erfindung der Anästhesie durch Lachgas und dem ersten richtigen Zahnarztstuhl im 19. Jahrhundert war schließlich die moderne Zahnheilkunde langsam auf ihrem Weg. Mit ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Anekdoten bringt der Medizinhistoriker dem Leser die Handlungs- und Denkweisen verschiedener Epochen oder Lehren näher. Er liefert Zitate richtungsweisender Persönlichkeiten der Zahnmedizin und verdeutlicht dadurch, sowie durch unzählige Abbildungen, das nähergebrachte Wissen.

„Sie steht für Heilung und Gesundheit, zugleich aber auch für Konsum und Kommerz.“

Was mit den grauenerregenden, vermeintlich brutalen Zahnziehern des Mittelalters beginnt und über die französischen ‚dentistes‘ bis hin zu heutigen Schönheitsidealen und Behandlungsmethoden fortschreitet, ist eine außergewöhnlich künstlerische und unterhaltsame Reise durch die Geschichte unseres Mundes. Selten wurde Kunst und Wissen auf so eine ästhetische und zugleich grauenerregende Weise vereint.

 

Richard Barnett
Mut zur Lücke. Kunst und Geschichte der Zahnheilkunde
Aus dem Englischen von Ronit Jariv
Dumont 2018
256 Seiten
34,00 Euro