Do-It-Yourself für ausgebrannte Flaneure

von Dominik Achtermeier (25. Mai 2018)

 

 

‚Raus in die Natur‘ heißt die Devise dieses besonderen Sachbuchs, das dem Trend einer Renaissance der alltäglichen Dinge entspringt. Zehn Künstler unserer Gegenwart schildern in der Fibel mit dem grafischen Look unseres modernen Zeitgeists, wie sie das Spazierengehen in der Natur für sich wiederentdeckt haben.

Ratgeber gibt es heute wie Sand am Meer. Doch dieses soeben im Dumont-Verlag veröffentlichte Sachbuch mit dem Titel Walking in the Rain fällt nicht nur aufgrund seiner ansprechenden Gestaltung auf, sondern weckt auch inhaltlich den Wunsch in uns, endlich einmal wieder bewusst die Peripherie der stressigen Alltagswelt aufzusuchen. Die zehn Geschichten von Künstlern, Designern und Psychologen vermitteln den Mehrwert des bewussten Gehens, zielorientierten Wanderns, kreativen Flanierens und glücklichmachenden Bummelns: man entflieht dem Gewöhnlichen und kommt Schritt für Schritt zur Ruhe. Psychologin Ruth Williams ist Geschäftsführerin des Dep.store for the Mind, einer kreativen Ideenwerkstatt von ‚School of Life‘ Gründerin Sophie Howarth, und zeigt im neunten Kapitel sogar auf, wie man seine Ängste mit dem möglichen Ziel, sie an einem Baumstamm angebunden einfach auszusetzen, spazieren führen kann.

Kennen Sie Walking Meetings?

Die Funktionalität des regelrecht gehypten Jakobwegs kennen wir und können diese im letzten Jahrzehnt zu genüge in den Medien ausgelaugte Sakrileg – trotz blinder oder gehbehinderter Pilger – beiseite lassen. Interessanter und vom Mehrwert reicher ist da das in den USA verbreitete Konzept der Walking Meetings, von dem Alison France und Ruth Williams den Leser mit bleibendem Eindruck überzeugen. Sie verblüffen zunächst mit Autoritäten unserer Zeit. Barack Obama, Steve Jobs sowie Mark Zuckerberg sind Anhänger dieser räumlichen Auslagerung des Business-as-usual in einer Leistungsgesellschaft, in der Büroräume nur noch Parzellen und Angestellte an ihren Schreibtisch gefesselt und von ihren Vorgesetzten geknebelt werden. 

Neuzeitliche Neologismen wie Arbeitsgesundheit und Ressourcenmanagement sind Beweise dafür, dass sich in den Chefetagen der Unternehmen ein Trend in Bewegung gesetzt hat, Verantwortung für das Arbeitstier Mensch zu übernehmen. Hiervon zeugt auch das anschaulich geschilderte Beispiel von Teamleiterin Lucy, die den Mitarbeiter George mittels eines Spaziergangs für seine Arbeit von neuem begeistern konnte.

Die Wiederentdeckung des Gehens

Vielleicht ist gerade diese Geschichte ein Aushängeschild für den Reiz, der vom reichgespickten Konvolut an Erfahrungen dieses Sachbuchs ausgeht. Ein ausgeglichener Gang durch die Natur ermöglicht uns nicht nur räumlich Abstand zu gewinnen, sondern auch Perspektivwechsel zu vollziehen. Das ist nicht revolutionär – denkt man etwa an Die Besteigung des Mont Ventoux (1336) des italienischen Dichters oder die ebenso lebendigen Ich-Erfahrungen in Naturräumen, die Johann Wolfgang von Goethes in seinen Reisetagebüchern festhielt –, aber heute notwendiger denn je. Warum? Weil wir verlernt haben einfach loszugehen! Den Anstoß gibt uns der Zuspruch der hier versammelten Autoren.

 

Dept.store fort he Mind
Walking in the Rain – Schritt für Schritt zu einem klaren Kopf
Aus dem Englischen von Rasha Khayat
Dumont 2018
160 Seiten
18,00 Euro