Mutti ist jetzt Terroristin

von Florian Grobbel (22. September 2018)

 

Stell dir vor, neben deinem Kinderzimmer ziehen auf einmal die meist gesuchtesten Terroristen des ganzen Landes ein. Stell dir vor, du bist hautnah dabei, als eine Fraktion gegründet wird, die jahrzehntelang das Land erschüttern wird. Stell dir vor, deine Mutter ist Ulrike Meinhof.

Im Zuge des 50. Jahrestages der 68-Revolution wird der deutsche Buchmarkt in diesem Jahr überschwemmt mit Sachbüchern, Reportagen und Erinnerungsbänden zu dieser prägenden Zeit der Bundesrepublik. Meist in roten Einbänden wird dort über die ersten Proteste, Rudi Dutschke oder eben die Entwicklung der Roten Armee Fraktion berichtet. »Die RAF hat euch lieb« ist dabei ein besonderes Buch, da es einen sehr persönlichen Bericht über diese Zeit darstellt, geschrieben von Bettina Röhl, Tochter des ehemaligen Herausgebers der linken Zeitschrift konkret Klaus Rainer Röhl und Ulrike Meinhof. Zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Regine erlebt sie als Kind hautnah die Entstehung der bekannten linken Terrorgruppe RAF, deren Geschichte für spätere Generationen vor allem durch Stefan Austs Buch Der Baader-Meinhof-Komplex, oder dessen Verfilmung publik wurde.

Im ersten von drei Teilen berichtet Röhl zunächst die Entwicklungen des Jahres 1968 und welche Konsequenzen dies für ihre Familie hatte. Nach dem komplexen Scheidungsverfahren ihrer Eltern, leben die Zwillinge bei ihrer Mutter, bei der von dort an das who-is-who der Revolution ein und ausgeht. Den SDS-Anführer Rudi Dutschke und einige Mitglieder der „Kommune 1“ lernen die Mädchen dadurch kennen. Neben vielen Quellen und Ausschnitten aus Briefen oder Interviews erzählt Röhl auch immer wieder vom Alltagsleben im Hauhalt von Ulrike Meinhof und lässt dabei kein gutes Haar an ihr. Es wird berichtet, dass ihre Mutter vergisst die Mädchen zur Schule zu bringen, sie selten etwas kocht, das kapitalistische Weihnachtsfest ausfallen lässt und die Töchter in kleine Revolutionärinnen verwandeln will. Gut, für die Kritik an ihrer Mutter wird Bettina Röhl spätestens jedes Recht gegeben, nachdem Ulrike Meinhof zunächst beim Gefängnisausbruch Andreas Baaders mithilft und daraufhin in den Untergrund abtaucht. Zusammen mit Baader, Gudrun Ensslin und Co. setzt sich Meinhof nach Jordanien ab um dort in Terroristen-Ausbildung zu gehen. Damit der Vater Klaus Röhl – „das Schwein“ – die Kinder nicht bekommt, werden diese zunächst nach Sizilien gebracht und sollen später in ein jordanisches Waisenheim überführt werden, wo sie ohne ein Elternteil aufwachsen sollen, während Mutti in der BRD gegen das kapitalistische Schweinesystem kämpfen will „und natürlich darf geschossen werden“.

Tausendmal „Lieber Herr Anwalt…“

Wenn man Bettina Röhl eines nicht vorwerfen kann, dann ist das umfangreiche Recherchearbeit. Gefühlt die Hälfte des Buches liest man Briefwechsel zwischen Meinhof und ihren Anwälten, Ausschnitten aus Essays und Reportagen und Interviews mit führenden RAF-Mitgliedern wie Anwalt Horst Mahler oder dem ehemaligen Freund Meinhofs Peter Homann, der wie der heimliche Held der RAF-Bewegung dargestellt wird, da er maßgeblich an der Befreiung der Zwillinge beteiligt ist. Gelegentlich strengt dieses umfangreiche Quellenstudium jedoch ziemlich an. Wenn seitenlang in Anwaltsbriefen das Sorgerecht der Zwillinge zur Debatte steht oder ewig die Bücherbestellungen von Ulrike Meinhof im Gefängnis für nichts und wieder nichts diskutiert werden, hinterfragt man doch, ob das alles zur nötigen Information über diese Zeit beiträgt, oder ob damit nicht einfach Seiten gefüllt werden wollen.

Wirklich spannend wird es dann erst wieder, wenn Röhl aus ihrem Privatleben berichtet; wie es war, die Entstehung von Deutschlands bekanntester Terrorgruppe mit Kinderaugen und aus der allerersten Reihe zu beobachten. Einen Höhepunkt des Buches stellt Ulrike Meinhofs Schritt in den Untergrund und die Zeit der Kinder in Sizilien dar. Von Meinhofs Zeit im Gefängnis, geschweige denn ihrem Selbstmord in Stammheim, ist nur wenig oder gar nicht die Rede.

Auch sehr spannend sind die kurzen Gedankensprünge in die heutige Zeit, wenn Röhl Parallelen zum heutigen Umgang mit Linksradikalismus zieht wie den Ausschreitungen beim G20-Gipfel im vergangenen Jahr. Dabei kommt die Autorin jedoch an mancher Stelle sehr stark konservativ rüber. Die heftige Abkehr vom politischen Tenor ihrer Familie und des damaligen Umfeldes überrascht doch ziemlich und kommt vor allem im Nachwort zum Ausdruck.

Um sich allgemein über die Zeit der 68er und der RAF zu informieren, mag es bessere Werke geben, in denen man nicht mit so dermaßen vielen und gelegentlich unsinnigen Quellen erschlagen wird, doch wird man wohl keinen persönlicheren Erfahrungsbericht finden können, als diesen von Bettina Röhl, der Tochter von Ulrike Meinhof.


Bettina Röhl
»die RAF hat euch lieb«
Heyne 2018

640 Seiten
24,00 Euro