Zu den Sachen selbst – und zurück

von Lisa Ohl (01. Februar 2019)



„Das nun überhastet zu Ende gehende Jahrhundert wird im Rückblick von Philosophiehistorikern als ‚Jahrhundert der Phänomenologie‘ bezeichnet werden.“, notiert Hans Blumenberg zum 50. Todestag des Begründers der Phänomenologie Edmund Husserl und verweist damit einerseits ganz allgemein auf den philosophischen Ankerpunkt seiner Zeit sowie andererseits und gleichsam in eigenster Sache auf den geistigen Nährboden seines Denkens.

Als gewissenhafter Erbe Husserls bahnt Blumenberg sich seine Denkpfade zu den Sachen selbst und lässt den Leser in diesem Band, der bisher unpublizierte Texte aus den 1980er Jahren versammelt und damit die Herausgabe der Manuskripte der ‚Phänomenologischen Arbeiten‘ abschließt, teilhaben an seinem gedanklichen Kreisen und Vorwärtstasten. 

Auf dem Lebensweltboden der Tatsachen

In fünf thematisch sich rundenden Kapiteln begegnet der Leser dem akribisch arbeitenden, sich methodisch gründlich und dennoch ungezwungen lebendig und schlicht wahrnehmend um die Dinge legenden Geist des ‚Anthropologen‘ der Phänomenologie. So treffen wir hier au fond auf die Ergebnisse des philosophischen Gestaltungsversuches dessen, was Blumenberg ‚Lebenswelt‘ heißt, Versuche, deren Gedankenräume sich unter Überschriften wie ‚Eine phänomenologische Eschatologie‘, ‚Das andere Ich und der Fremde‘, ‚Horizont der Erinnerung‘ sowie ‚Der Spiegel und die Undurchsichtigkeit‘ in staunenswert facettenreicher und anregender Weise entfalten. Für den philosophisch unbedarfteren Leser dürften diese Gedankenräume bisweilen das Bild einer unwirtlichen Landschaft abgeben, da zwar die Themen, denen sich Blumenberg widmet, durchaus und nachdrücklich in Lebensnähe angesiedelt sind, doch allgemein und voraussetzungslos verständlich sind seine Gedanken nicht, und auch der interessierte und philosophisch vorgebildete Leser dürfte bisweilen Mühe haben, ihnen zu folgen. Doch der Versuch lohnt, denn schon die Anfänge der einzelnen Texte sind stets kleine Offenbarungen, die genügen, um von dort aus die eigenen Gedanken schweifen zu lassen. Fazit: Für noch ganz Unbedarfte vielleicht zu harte Kost, für Bedarftere eine durchaus anspruchsvolle, aber ergiebige Denkerfahrung, für ausgekochte Fans der Phänomenologie gewiss ein Genuss. 

Hans Blumenberg
Phänomenologische Schriften 1981-1988
Suhrkamp 2018
519 Seiten
48,00 Euro