In Vino veritas

von Anna Brodmann (12. Februar 2019)


Wein ist seit jeher mit den Schönen und Reichen, den Mächtigen, den Denkern und Dichtern assoziiert. Dass es auch noch in der modernen Welt und dem sonst so nüchternen Deutschland durchaus einen Zusammenhang zwischen Wein und den Mächtigen der Republik gibt, belegt Kurt Bergmanns „Mit Wein Staat machen“. Bergmann hat sich ein ungewöhnliches Unterfangen zur Aufgabe gemacht: Er will die Geschichte der Bundesrepublik anhand der Staatsbankette und Staatsbesuche der Bundespräsidenten nachvollziehen. Und dazu eignet sich das Getränk der Götter so gut wie kein Zweites.

So serviert Bergmann dem Leser eine Reise, die sich der Ottonormal-Weintrinker kaum vorstellen kann. Als Vorspeise werden einige Betrachtungen über den Wein beim letzten Abendmahl und die Rolle des Weins in den Religionen gereicht. Doch die repräsentative Macht des Weins weiß man nicht nur im Vatikan zu schätzen – obwohl dort immerhin 100 Flaschen Wein pro Kopf im Jahr getrunken werden – sondern auch in der Politik, wo der Weinkonsum zu offiziellen Anlässen allerdings nicht ganz so hoch ist. Gespickt mit derartigen Funfacts geht die Reise über die gesamte deutsche Geschichte bis zum heutigen Bundespräsidenten.

Dabei schwankt sie immer zwischen durchaus tiefen Einsichten über die Funktionsweisen eines Staates, der Macht und Notwendigkeit der Repräsentation und unfassbar komischen Anekdoten diverser bedeutender Persönlichkeiten. Bismarck wird zum Beispiel folgende Bemerkung nachgesagt: „Eure Majestät, ich bedaure, aber mein Geschmack geht über meinen Patriotismus“, beschied er Wilhelm II., als der auf einem Empfang vermerkte, dass er aus Gründen des Heimatstolzes nicht Bismarcks Lieblingschampagner, sondern lediglich heimischen Schaumwein servieren lassen könne.

Es ließen sich unendlich viele bemerkenswerte Anekdoten aufzählen, wie Angela Merkel, die Brechts Werke offenbar mehr genießt als die Sozialdemokraten unserer Tage. Es geht in „Mit Wein Staat machen“ nämlich keineswegs ausschließlich um Wein, auch wenn dieser das Hauptaugenmerk bildet. Vielmehr beleuchtet Bergmann alle Seiten des offiziellen Protokolls und der politischen Repräsentation. So wird auch die katastrophale Küchensituation in den Amtssitzen des Bundespräsidenten beleuchtet, die Wichtigkeit Prominente bei Staatsbanketten sorgfältig zu Platzieren und weitere diplomatische Notfälle, Notwendigkeiten und Missgeschicke.

Es ist eine wahre Freude das Buch zu lesen und das Ende kommt – ähnlich wie bei einer Flasche guten Weins – viel zu schnell. Freunde des Genusses, der Politik, Weinkenner und an Trivialitäten Interessierte werden voll auf ihre Kosten kommen. Vor allem dank des hervorragenden und extrem unterhaltsamen Schreibstils des Autors. Die vor allem zu Beginn oft ermüdenden, weil für den Laien unverständlichen, Betrachtungen über die Qualität und Anbauweise eines bestimmten Jahrganges werden immer wieder durch geistreiche Spitzen und Bemerkungen durchbrochen, sodass man nie in Versuchung gerät das Buch aus der Hand zu legen.

Meine Empfehlung lautet daher: Kaufen Sie sich dieses Buchen, setzen Sie sich in Ihren Lieblingssessel und öffnen Sie eine gute Flasche Wein – Sie werden einen sehr schönen Abend haben.


Kurt Bergmann
Mit Wein Staat machen
Insel Verlag
366 Seiten
25,00 Euro