Sehnsuchtsort Marrakesch

von Jasmin Wieland (6. März 2019)


Auf der anderen Seite des Meeres, dort im Süden. Im Westen. Doch Orient. Fern und zugleich nah, trennen das Land, das diesen Ort beheimatet, nur wenige Kilometer von unserem Kontinent. Anziehungskraft. Ein Magnet für tausende Touristen jedes Jahr und ein Sehnsuchtsort für Jalid Sehouli. In den buntesten Farben und himmlischsten Düften – nach Vertrautheit, nach Geborgenheit – erzählt Sehouli das Gefühl seines Sehnsuchtsortes. Machen wir eine Tour. Durch die Gassen, in die Gärten, auf die Märkte, zu den Menschen. Das ist Marrakesch.

»Es war erstaunlich, wie nur wenige Meter des Lärmes und Staub der Straße diese Oase uns so viel Gelassenheit und Sicherheit gab. So sehr die Menschen das Treiben der Straße lieben und Abend für Abend suchen […][,] so brauchen sie doch die starke Ruhe im Inneren, im Riad.« »Riad«, ein Begriff, oder, laut Sehouli, vielmehr eine Lebensphilosophie, die ins Schwarze trifft. »Riad« bedeutet Paradies und, wie Sehouli erzählt, gibt es im Arabischen mehr als zehn Wörter, die das Paradies beschreiben. Ebenso findet Sehouli zahlreiche Worte, um uns Einblick in das Herzen Marrakeschs zu gewähren.

Die Story, wenn man überhaupt von einer solchen reden kann, ist schnell erzählt: Als Sohn marokkanischer Eltern verbindet Sehouli stets etwas ganz Besonderes mir Marokko, allen voran der Stadt Marrakesch. Wie magisch von ihr angezogen, bereist und besucht er die Stadt in regelmäßigen Abständen. Lässt sie auf sich wirken, taucht in sie ein. In Marrakesch lässt er uns an all diesen Eindrücken teilhaben und spaziert mit uns durch die Stadt. Dies ist allerdings kein normaler Stadtspaziergang, den während er bekannten und neuen Gesichtern, bekannten und neuen Orten begegnet, begegnet er auch immer ein Stück mehr sich selbst und berichtet von seinen Erfahrungen und Erlebnissen. Er gibt uns Einblick in sein Innenleben und stellt dabei existenzielle, philosophische und menschliche Fragen. Der Hang zur Spiritualität, der im Lesen spürbar wird, lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass die Wurzel jener im Zauber Marrakeschs liegt.

Entscheidend für die Erzählungen ist dabei auch Sehoulis Beruf als führender Krebsspezialist am Krankenhaus der Charité in Berlin. Immer wieder lässt er die Schicksale seiner Patienten in das Buch miteinfließen. Einige von ihnen taten es ihm gleich und reisten ebenso nach Marrakesch. Ihre Geschichten beeindrucken. Und sie, genauso wie Sehouli, zeigen wieder einmal: Marrakesch ist eine ganz besondere Stadt. Wer sie erleben will, muss sich auf sie einlassen und mit allen Sinnen wahrnehmen. Da ist beispielsweise die Moschee Koutoubia, deren Einlass Sehouli zu Beginn verwehrt bleibt, oder eines der Nationalgerichte, Pastilla, das Sehouli mit seinem Geschmack verzaubert, und da ist vor allem der Hauptplatz »Djemaa el Fna«, der das Herzstück der Stadt ist und auf dem das Treiben der Händler innewohnt. »Wenn du die Langsamkeit des Dejmaa el Fna spürst, dann hast du diesen Platz verstanden«, sagt ein Marktverkäufer zu Sehouli. Und so ist dieses Buch. In all dem Treiben, das Sehouli beschreibt, all die Schicksale, all die Geschichten, erschafft er eine Oase der Ruhe. Auch, da er stets in kurzen Textpassagen erzählt, ist Marrakesch eine Beschreibung der Momente, und eben diese, das zeigt uns Sehouli und Marrakesch zu gleich, sind kostbar und wertvoll.

Marrakesch ist kein Buch, das man mal eben an einem Abend verschlingt. Es ist eines, das Zeit braucht. Auf beinahe jeder Seite steckt ein Stück Weisheit, die bedacht werden will, die inspiriert. Hat man Marrakesch einmal aufgeschlagen, wird man es nur in dem Bewusstsein weglegen, dass man es wieder in die Hand nehmen wird. Vergleichbar mit Marrakesch. War man einmal dort, würde man immer wieder an diesen Ort zurückkehren, so Sehouli. Marrakesch ist ein Sehnsuchtsort. Ein Riad. Ein Heimatsort. Und eben so ist dieses Buch.

Jalid Sehouli
Marrakesch
be.bra Verlag 2018
200 Seiten
20,00 Euro