Ja, wir können Einsamkeit entgegenwirken

von Jasmin Wieland (20. März 2019)


Einsamkeit. In Abgrenzung zum Alleinsein, oder der sozialen Isolation. Was heißt das? Einsamkeit beschreibt laut Arzt und Psychiater Manfred Spitzer den »psychologischen Aspekt« des Alleinseins. Die Psyche also. Welchen Einfluss diese auf unser Wohlbefinden hat, zeigen bekannterweise zahlreiche Studien. In seinem Buch Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit greift Spitzer einige von ihnen auf und zeigt: Einsamkeit ist, gerade in unserer heutigen, digitalisierten und medial beeinflussten Welt, ein Faktor, der dominosteinartig Krankheiten auslösen und intensivieren kann; aber wir sind der Emotion Einsamkeit nicht hilflos ausgesetzt, denn es gibt Mittel und Wege, wie wir ihr bewusst entgegenwirken können.

Gleich zu Beginn des Buches wird klar: Das hier wird keine leichte Kost. »Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Krankheit, die hierzulande immer häufiger auftritt und chronische Schmerzen verursacht – «, so die ersten Zeilen. Was folgt, ist eine grundlegende und tiefreichende Charakterisierung und Auseinandersetzung mit der von Spitzer, als Krankheit bezeichneten, Emotion Einsamkeit. Dabei wendet er sich primär drei Aspekten zu: den Ursachen von Einsamkeit, ihren Folgen, Methoden und wie wir aus jenem Gefühlszustand wieder herausfinden.

Dabei schafft Spitzer den Spagat zwischen der Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse in einer, für die breite Masse, verständlichen Sprache einerseits und Gesellschaftskritik auf der anderen Seite. Beispielsweise setzt er den stetigen Anstieg von erlebter Einsamkeit in unmittelbaren Zusammenhang mit der Entwicklung unserer Zeit: Dem Trend zum Individualismus, der sich nicht nur anhand der Anzahl an Single-Haushalten messen lässt, sondern unter anderem auch daran, wie sich unsere Wirtschaft, etwa hinsichtlich des Produktangebots in Supermärkten, diesem Trend anpasst. Eben diese Entwicklung führt zum Abbau der Gemeinschaft und kann, laut Spitzer, somit als Ursache für das erhöhte Auftreten von Einsamkeit gesehen werden. Einen weiteren wichtigen Faktor dabei stellen die sozialen Netzwerke dar. Hier liefert Spitzer hochinteressante Ergebnisse, wie beispielsweise, dass die Nutzung von Facebook nicht zu einem Anstieg der Lebenszufriedenheit führt, sondern zu einer geringeren. Eine Komponente, die eng verwoben ist mit dem Erleben von Einsamkeit. Auch unsere exzessive Smartphone-Nutzung sowie das Online-Konsumverhalten hinterfragt Spitzer kritisch. Denn was tun wir dadurch unbewusst? Wir umgehen den Kontakt mit fremden Personen, indem wir zum Beispiel nicht nach dem Weg fragen, sondern kurz das Smartphone zücken; oder indem wir nicht in das Bekleidungsgeschäft gehen und uns beraten lassen, sondern online unsere Ware aussuchen. Doch Vertrauen, so Spitzer, entstehe durch gelingende Interaktion zwischen fremden Menschen. Und Vertrauen bedingt Zufriedenheit, Glück und Gesundheit.

Was sind die Folgen, wenn eben diese positiven Gemütszustände wie Zufriedenheit abnehmen und vermehrt Einsamkeit entsteht? Spitzers Antwort lautet: Stress. Und Stress führt mitunter zu einer Schwächung des Immunsystems, was körperliche Folgen wie Atemwegserkrankungen nach sich ziehen kann. Ferner nennt Spitzer Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs, oder etwa Depression.

Auch wenn die Kapitelstruktur einen immer wieder zum Zurückblättern zwingt, um sich bewusst zu machen, wie die Thematiken miteinander zusammenhängen, ist ein genereller roter Faden erkennbar. Des Weiteren zeigt die Tatsache, dass sich Spitzer mitunter wiederholt und bereits Erwähntes wieder aufgreift, dass die Materie äußerst komplex ist und es einige Seiten zur Erklärung bedarf. Dennoch ist die Botschaft Spitzers deutlich hörbar: Wir müssen dem aktuellen Trend, dem stetigen Anstieg von erlebter Einsamkeit, entgegenwirken und dabei gibt es verschiedene Methoden, die sich allgemein in zwei Ansätze gliedern lassen. Einerseits den des Menschen als soziales Wesen, der sich um das Wohl der Gemeinschaft sorgt und der sich durch Taten wie Geben und Helfen – was wir bekannter Weise in den Grundsätzen der Religionen und Sätzen wie »Liebe deinen nächsten wie dich selbst« wiederfinden – in der Gemeinschaft verankert und seine eigene Zufriedenheit durch die Zufriedenheit der Gemeinschaft sicherstellt. Außerdem stärken gemeinsame Aktivitäten wie Musizieren, Singen oder Tanzen das Gruppen- und Gemeinschaftsgefühl und somit die Zufriedenheit. Andererseits ist es der Ansatz des Menschen als Individuum, der der Einsamkeit nur durch ihr Erspüren entgegenwirken kann. Das Heilmittel dabei ist die Natur. Laut Spitzer reduziert bereits ein 90-minütiger Spaziergang in der Natur Selbstzweifel und ängstliche Gedanken. Nur beim Wahrnehmen der Natur würde uns bewusst, dass wir auf der einen Seite winzig klein sind, doch andererseits riesengroß, da wir ein Teil des Ganzen sind. Und dies ist eine von Spitzer äußerst positiv ausgesandte Botschaft!

Fazit: Aufgrund der von Spitzer zusammengetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse, erfährt und lernt man überaus viel Neues zum Thema Einsamkeit. Gleichzeitig ist es der Thematik wegen unabdingbar, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich selbst zu hinterfragen. Dennoch bleibt ein zwiegespaltenes Gefühl. Sicherlich ist es, speziell wenn wir einen Zusammenhang zwischen unserer heutigen Lebensform und dem Auftreten von Einsamkeit feststellen, wichtig, dass wir Forschungen anstellen, um den Ursachen und Folgen auf den Grund zu gehen und folglich dem entgegenwirken zu können. Jedoch heißt Forschungen anstellen auch immer ein Sichtbarmachen-Wollen etwas unterbewusst oder unbewusst bereits Existierenden. Und somit, in dem wir ein Thema ins Scheinwerferlicht rücken, problematisieren und dramatisieren wir es vielleicht dahingehend, dass es Gegenstand der Diskussion wird und sich in unseren Köpfen festsetzt, ähnlich wie die Themen Stress oder Burnout. Und dann stellt sich die Frage, ob wir Emotionen, die inhärent menschlich und natürlich sind, nicht durch ihre Betitelung als Krankheit erst zur einer solchen machen?

Manfred Spitzer
Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit
Droemer 2018
320 Seiten
19,99 Euro