Frankenstein läßt grüßen
Von Lisa Ohl (25. Juni 2019)

 

 

Was tut man als in die Jahre gekommener Philosoph, um die Liste der Publikationen nicht abreißen zu lassen und der (Fach-)Welt zu zeigen, dass man noch existiert? Richtig, man kramt in der Schublade mit den alten Vorträgen, die seinerzeit ja ganz gut ankamen, flickt die einzelnen Texte grob mit einer möglichst biegsamen thematischen Nadel zusammen – den  Zusammenhang möge dann jeder selbst herstellen – und veröffentlicht das Ganze unter einem Titel, der vielmeinend alles und nichts sagt. Et voilà: „In der Disposition des Buches spiegeln sich wichtige Etappen jenes Entwicklungsganges, mit dem ich als Phänomenologe in das Feld der Psychoanalyse vorgedrungen bin.“

Eine meta-kritische Odyssee

Um das Motiv des Fremden kreisend sucht Waldenfels in seinem neuesten Buch nach einem „speziellen Zugang zur Psychoanalyse“ und rückt dabei kapitelweise eine andere Problematik in den Fokus. Ausgehend von der (vagen) Idee einer „radikalen Phänomenologie des Fremden“ führt ihn seine Suche über die Themenkreise der Kulturanalyse, Religionskritik, Ethnopsychoanalyse sowie der Kunsttheorie hin zu den beiden zentralen Prinzipien Responsivität und Sorge, die Waldenfels als begriffliche Mittler zwischen phänomenologischer Theorie und psychoanalytischer Therapie auszuweisen unternimmt. Das lose Zueinander der einzelnen Sinnfelder gestattet es hierbei dem Leser, sich weitestgehend frei, das heißt auswählend und auslassend im Text zu bewegen, wobei der Stückwerkcharakter des Buches ein aufbauendes Verstehen naturgemäß erschwert. Doch schließlich stehen Waldenfels’ Studien im Kontext seines Lebenswerkes und verlangen vom Leser einen nicht geringen Grad an Vorwissen.

In neo-phänomenologischer Manier und gezeichnet vom Husserl’schen Hang zu reichhaltiger Klein(tei)lichkeit verbirgt sich dabei hinter vielversprechend schillernden Überschriften ein teils inspirierendes, teils ernüchternd meta-kritisches Durcheinander von Einzelbetrachtungen. Néanmoins: Waldenfels gelingt es, das Phänomen der Fremdheit – des eigenen Selbst, des Anderen sowie der sinnhaften Strukturen, die wir dem Chaos des Außen aufprägen – in seinem ganzen Facettenreichtum zu beleuchten, vielverschlungene Wege aufzuzeigen, zwischen Phänomenologie und Psychoanalyse Brücken zu schlagen.

Bernhard Waldenfels
Erfahrung, die zur Sprache drängt. Studien zur Psychoanalyse und Psychotherapie aus phänomenologischer Sicht.
Suhrkamp
333 Seiten
24,00 Euro