Kulinarische Erkundungstour durch Deutschland

von Jasmin Wieland (07. Oktober 2019)



Heimatliebe. Was heißt das? Liebe, so sagt man, geht durch den Magen und Heimat wohl irgendwie auch. Hinter diesem Begriff, der Gefühle der Sehnsucht weckt, steckt doch auch ein Stück Köstlichkeit, ein Stück hessischer Kirschenmichel vielleicht oder ein Stück schwäbischer Speckgugelhupf. Nelson Müller streift in seinem Kochbuch Heimatliebe. Meine deutsche Küche von Region zu Region, von Bundesland zu Bundesland und präsentiert nicht nur kulinarische, sondern auch landeskundliche Leckerbissen. Und zeigt dabei ganz geschmackvoll: "Deutschland is(s)t wunderbar."

Ganze 240 Seiten umfasst das Werk – gehaltvoll und doch ganz leicht und heiter präsentiert. Das liegt natürlich auch an dem sympathischen Lächeln des in Stuttgart aufgewachsenen TV-Kochs.

Immer wieder strahlt, schmunzelt und posiert er ganz bescheiden mal vor dem Weinkeller, mal in der Strandbar und verleiht so dem Kochbuch seine ganz eigene, persönliche Note. Auch weil er auf zahlreichen Sonderseiten, etwa "Mekka der Kaffeekultur", "Auen-Ländle", "Tor zur Welt", "Altberliner Küche" oder "Wir-Gefühl" persönliche Anekdoten auspackt oder einfach Spannendes und Geschichtliches zu den einzelnen Regionen erzählt. Schade nur, dass an dieser Stelle nicht alle Regionen bzw. Bundesländer zum Zuge kommen. Dies gilt leider auch teilweise für den Rezeptteil. Auch wenn sich Nelson Müller sichtlich bemüht, eine regional ausgeglichene Rezeptauswahl zu präsentieren, machen Gerichte aus Süd (Bayern, Baden-Württemberg), West (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen) und Nord (Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern) den Großteil aus. Der Osten, vor allem Brandenburg, und auch das Saarland, im Südwesten Deutschlands, gehen leider etwas unter.

Die Einteilung der Rezepte ist dabei nicht nach Region gewählt, sondern nach Art der Speisen. Dies ist sicherlich die abwechslungsreichere und zum Vergleichen der regionalen Küchen spannendere Variante. Gleichzeitig präsentiert Müller auch Gerichte – wie Kohlrouladen oder Rostige Ritter –, die in ganz Deutschland zubereitet werden. Den Anfang machen "Imbiss und Kleinigkeiten", wo vom Apfel-Zwiebel-Schmalz und Winzer Zwiebelkuchen bis hin zum Leipziger Allerlei eine bunte Mischung aus Brotzeit und kleiner Warmspeise vertreten ist. Daraufhin folgen "Suppen und Eintöpfe" mit Hollsteiner Kartoffelsuppe, Betenbartsch, Pichelsteiner Eintopf oder Linseneintopf süß-sauer. In den klassischen Hauptgang-Kapiteln "Fisch und Meeresfrüchte" und "Fleisch, Geflügel und Wild" zeigt Müller die Vielfalt der deutschen Süßwasserfische sowie die Vielfalt an Fleisch & Co.-Klassikern von Currywurst und fränkischem Schäufala bis zu Zwiebelrostbraten und Backhendl. Das Kochbuch runden "Süßes, Nachtisch und Gebäck" ab, wobei sich jeder noch einmal davon überzeugen kann, dass die deutsche Küche nicht nur Hauptgericht kann, sondern definitiv auch Nachtisch bzw. Kaffee und Kuchen.

Als weiteren Bonus hat sich Müller die Markthallenwissen-Seiten einfallen lassen. Hier nimmt er etwa die Kartoffel, Wurzeln und Knollen oder alte Apfelsorten unter die Lupe, geht auf die unterschiedlichen Sorten ein und erklärt, wofür sich welche Sorte besonders gut eignet bzw. wofür sie verwendet wird. Gleiches gilt für die Süßwasserfische und die Fleischsorten. Genauso informativ hat Müller auch die einzelnen Rezeptseiten gestaltet, die jeweils mit einem kleinen Abschnitt eingeleitet werden, in dem Müller seinen persönlichen Bezug zum Rezept erzählt, regionale Unterschiede hervorhebt, geschichtlichen bzw. kulturellen Hintergrund gibt oder auf den Namen des Rezepts eingeht. So ist der in Thüringen als Rapunzelsalat bekannte Feldsalat in Baden-Württemberg Ackersalat, in Hessen Nüsschensalat, in Bayern Vogerlsalat usw. Außerdem befindet sich, für alle Feinschmecker und Feinkochende, auf beinahe allen Rezeptseiten am Ende noch Müllers besonderer Tipp zur Zubereitung, sodass garantiert nichts mehr schiefgehen kann.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings: Für Vegetarier bzw. Veganer ist dieses Kochbuch nicht geeignet. Jetzt könnte man natürlich sagen: Wie altmodisch! Doch was Müller in seinem Vorwort schreibt, hält er ein. "Heimatküche" bedeutet für ihn vor allem auch die "Küche unserer Mütter und Großmütter", was auch heißt, eine traditionelle Küche, die in Deutschland sehr fisch- und fleischlastig ist. Jedoch hat er bei der Auswahl Wert daraufgelegt, dass die Gerichte noch up to date sind. Gleichzeitig, und das liegt natürlich auch an der grafisch sehr modernen Umsetzung des Kochbuches, kommen die Rezepte keinesfalls altbacken daher, sondern sehr stilvoll und qualitativ. So wird beispielsweise das Spargelcremesüppchen mit Speckchips gegessen oder die gebackenen Apfelküchlein mit Zimteis kombiniert. Es geht also beides: Tradition und Modernität. Guten Appetit!


Nelson Müller
Heimatliebe. Meine deutsche Küche
Dorling Kindersley 2019
240 Seiten
24,95 Euro