Survival à la Robin Hood. Wild, wild life.

von Jasmin Wieland (8. August 2020)


In Zeiten von Corona und dem förmlichen An-den-PC-gekettet-sein kommt sie verstärkt auf: Die Sehnsucht, raus in die Natur zu gehen, einfach mal ein- bzw. unterzutauchen und voll und ganz eins mit ihr zu werden. Manchmal reicht dafür ein einfacher Spaziergang, wenn’s ein bisschen mehr sein soll, dann vielleicht eine Wanderung oder eine Mountainbike-Tour durch die Wälder, und für Naturburschen und -mädels auch ein Mehrtagestrip. Doch warum eigentlich nicht einmal in die Vollen gehen und jegliche Zivilisation hinter sich lassen? Das Motto heißt: Draußen unterwegs, und wird zum Namen von Gerard Janssens Ratgeber bzw. Outdoor-Survival-Guide, erschienen im Knesebeck Verlag. Heißt: Nicht einfach nur Rausgehen, sondern Survival. Zurück auf Null, zurück zu den Wurzeln und mit dem überleben, was es gerade um einen herum gibt, fern von jeglichem Luxus, ja auf eine Weise, die Robin Hood und Co. praktizierten. Das ist Abenteuer pur. Und eines, für das uns Janssen wahrlich den Mund wässrig macht, denn Waldbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren und Co. finden wir ja alles auch im Wäldchen.
 

Okay, zugegebenermaßen, Survival ist mehr als im Wald auf Beerensuche zu gehen. Das ist dann wohl eher das Highlight. Das tägliche Brot sind vielmehr Wurzeln, Brennnesseln, Kletten, Giersch, Bucheckern, Eicheln, Insekten und Co. Igitt, das ist doch eklig! Naja. Wer einmal Brennnessel und Giersch gekocht hat, weiß spätestens, das ist eine wunderbare Alternative zu Spinat, also ganz hervorragend genießbar. Außerdem finden sich im Wald ja auch jede Menge Heilkräuter und Pilze. Hier heißt es natürlich aufgepasst, aufgrund der Verwechslungsgefahr. Janssen zählt einige von ihnen auf und beschreibt die unterschiedlichen Verwendungsweisen. Gleichzeitig weist er auf die Tücken hin: Die Wurzeln des Scharbockskrauts beispielsweise nie roh essen. Sie sind giftig!

Doch Outdoor ist viel mehr, als sich einfach nur mit dem zu ernähren, was einem die Natur bzw. Wald und Wiesen geben. Klar, Essen ist das Eine, aber was gehört da eigentlich noch alles dazu? Janssen weiß die Antwort: Bushcraft, die richtige Ausrüstung, Errichten eines Lagers, Feuer machen, Wassersuche, Seil und Messer, Orientierung, Hygiene und erste Hilfe. Das klingt ja gerade so, als würde man auf Ewig in der Natur leben wollen. Naja, sagen wir mal so: Into the wild. Christopher McCandless wird es nicht anders gemacht haben. Für die Gefahren des Outdoorlebens und dafür, dass eine einzige Pflanzenverwechslung zum Tod führen kann, ist er wohl das beste, wenn auch tragischste Beispiel. (Und heute wird sein Relikt, der Bus, von den Behörden Alaskas versetzt, weil für die Tausenden von strömenden Touris der Weg zu riskant geworden ist. Es lebe bzw. sterbe der „Screen Tourism“ bzw. „Film Tourism“. Quo vadis? Absurde Welt.)

Aber nochmal auf Anfang. Bushcraft. Was heißt das eigentlich? Janssen setzt den Begriff in Abgrenzung zu „Woodcraft“ und „Biwakieren“. „Bushcraft“ bezeichnet ursprünglich die Überlebenstechniken im australischen Busch. Seitdem der Mensch in die Städte gezogen ist, hat der Einzelne viel an Naturwissen eingebüßt und das, obwohl die Natur wesentlich zur körperlichen, seelischen und geistigen Gesundheit beitragen kann. Bushcraft ist also ein Plädoyer für Menschlichkeit, dafür sich wieder mehr mit der Natur zu befassen und sie als Lebensraum bewusst wahrzunehmen. Janssen trübt aber gleich auch die Stimmung: Wildcamping ist in den meisten Ländern Europas offiziell verboten, wenn auch meist geduldet. Voraussetzung natürlich, man hinterlässt den Platz so, wie man ihn vorgefunden hat. Die skandinavischen Länder sowie Finnland und Estland sind uns da einiges voraus. Hier herrscht das „allemansrätt“, also das Recht, in der Natur frei umherzustreifen. So ist es bspw. den Landbesitzern verboten, Zäune um ihr Grundstück zu errichten.

Legen wir also los. Was sollen wir für den Outdoor-Trip anziehen? Janssen gibt wichtige Tipps zu Materialien, Wärmeverlust, Isolierung, Kopf, Hals, Hände, Füße etc. Einziger Wehmutstropfen: Leider wird hier kein Bezug darauf genommen, ob die Materialien bzw. die Herstellung der Produkte umweltfreundlich sind, was in Zeiten von Klimawandel, Verseuchung der Gewässer durch giftige Chemikalien etc. einfach nicht mehr unbeachtet werden darf. Dem folgt das Thema Schlafen mit schicken Zeichnungen, die an Bastelanleitungen erinnern. Was noch? Bedroll 2.0, Matte, Schlafsäcke. Dann der Rucksack, und wir lernen: eines der wichtigsten Utensilien ist das Gaffer Tape. Das eignet sich nämlich nicht nur als Pflaster, sondern auch als Fliegenfänger oder sogar als Grillanzünder. Wer hätte das gedacht! Draußen unterwegs steckt voller Überraschungen und vor allem kreativer Ideen, die der heutigen Zeit angepasst sind und gleichzeitig so verpackt sind, als befänden wir uns auf Robin Hoods Spuren.

Grafisch ist der Ratgeber dabei überaus ansprechend gelungen. Die vielen Illustrationen im Stil von Kinderkritzeleien und spontanen, ins Buch skizzierten Bildchen während eines Outdoor-Trips sind sehr unterhaltsam und anschaulich und geben dem Ratgeber den richtigen Drive. Mal Spuren von europäischen Waldtieren, mal eine gezeichnete Landschaft mit Fischer, mal die Veranschaulichung von Hüttenkonstruktionen in jeglichen Varianten. Das macht definitiv Lust und Laune! Und dann das entscheidende Thema: Feuer machen. Schonmal was von Feuerbohrer gehört? Dann lernst du das jetzt kennen. Gleichzeitig ist natürlich auch das richtige Holz wichtig. Hierzu gibt’s eine Tabelle.

Man könnte nun noch ewig so weitermachen und viele, viele der klugen Tipps herauspicken, wie Seilherstellung aus Brennnesseln, Orientierung am Mond, Wettervorhersage durch Schwalben, aber das würde dann den Rahmen sprengen. Die Quintessenz ist wohl: sich in Ruhe einlesen und dann einfach mal Schritt für Schritt starten. Mal probieren, ein Feuerchen zu machen. Mal in der Hauswerkstatt mit Gaffer basteln, mal die Brennnesseln im Garten (mit Handschuhen!) abschneiden und sich an der Seilherstellung ausprobieren. Und dann, wenn die einzelnen Fähigkeiten erlernt sind, das große Abenteuer wagen. Doch na ja, seien wir mal ehrlich. So aufregend und unterhaltsam das Buch auch ist, irgendwie scheint es doch auch ein bisschen fern von der Realität zu sein, oder? Zumindest in Deutschlands Wäldern. Vielleicht müsste man dafür wirklich nach Skandinavien reisen oder in die kanadische Wildnis. Oder hat das im Endeffekt einfach nur mit Überwindung und Sich-Trauen zu tun? Vielleicht wäre neben all den praktischen Tipps noch ein Kapitel zum mentalen Survival gut gewesen. Wie unterhält man sich mit sich selbst? Geht man die Unternehmung vielleicht sogar in der Gruppe an? Dann hätte man bspw. als kleinen Gag noch ein paar Wald-Gruppenspiele dazuerfinden können. Hide and Seek, etc. Und dann noch der Punkt Klimafreundlichkeit und Gesundheit. Die kleidungstechnischen Materialien wurden bereits angesprochen, doch wie sieht es mit der vielfältigen Verwendung des Tampons aus, wo doch die Mädelswelt immer mehr im Begriff ist auf wiederverwendbare Produkte wie Menstruationstasse und -unterhose umzustellen? Oder der Einsatz von Alufolie, die seit geraumer Zeit wegen gesundheitsschädlichen Stoffen in Verruf geraten ist.

Hierbei scheint Draußen unterwegs. Der Outdoor-Survival-Guide wohl der Spiegel der Gesellschaft zu sein, indem man sich fragen muss: Auf wie viel kann ich verzichten, um im bestmöglichen Einklang mit der Natur zu leben? Und wie viel an zusätzlichem (vielleicht nicht ökologischem) Equipment muss sein, um das eigene Leben nicht zu gefährden und zu überleben? Im Janssens Ratgeber sind diese Fragen selbstverständlich auf das Minimale heruntergebrochen, doch zeigen sie deutlich: Im Überleben steckt ein Leben, das sich mit eben diesem Minimalen zufriedengibt. Wie viel Luxus brauchen wir denn tatsächlich? Heißt Luxus nicht vielleicht schon eine Waldbeere? Und gleichzeitig scheint paradoxerweise der größte Luxus, der zu sein, der uns sehnsuchtsvoll nach Skandinavien blicken lässt, wo ein Leben ohne Zäune existiert, Natur ein Allgemeingut ist und jeder das Recht hat in der Freiheit der Natur leben zu können. Auf dass die Wälder freies Terrain werden!



Gerard Janssen
Draußen unterwegs. Der Outdoor-Survival-Guide
Illustrationen von Maartje Kuiper
Übersetzt aus dem Niederländischen von Kordula Witjes
Knesebeck Verlag 2020
128 Seiten
15,00 Euro