Es lebe das Gemüse!

Von Jasmin Wieland (08. Oktober 2020)


Was im Englischen den Titel Eat your Greens! 22 Ways to Cook a Carrot and 788 Other Delicious Recipes to Save the Planet heißt, trägt im Deutschen den Titel Junges Gemüse. 800 leckere Rezepte für mehr Grünzeug auf dem Teller. Die Botschaft ist klar: Gemüseküche ist gesunde Küche, Selbstgekochtes am frischesten und wer dazu saisonal kocht und Brokkoli und Co. gar noch im eigenen Bio-Gärtchen anpflanzt oder zumindest Bio einkauft, hat den Jackpot geknackt und ganz nebenbei noch was fürs Klima getan. Die Schwedinnen Anette Dieng und Ingela Persson liefern mit ihrem Kochbuch ein umfassendes Werk zur Gemüseküche, dass nicht nur eine hohe Vielfalt an Gemüsesorten präsentiert, sondern diese mit noch vielfältigeren Rezepten erweitert. 

Junges Gemüse ist kein Kochbuch im klassischen Sinne. Es ist mehr eine Gemüsebibel, die den Fokus darauf legt, mehr in den Variantenreichtum als ins Detail zu gehen. Heißt: In den Rezepten selbst finden sich keine genauen Mengenangaben; die Zutaten, die sich für die Zubereitung anbieten, werden in den Fließtext eingepflegt. Die Rezeptbeschreibung macht dies aber keinesfalls unvollständig, da Garzeiten oder Ofentemperatur etwa stets angegeben sind. Die Entscheidung, Mengenangaben wegzulassen, ist seitens der Autorinnen eher ein Plädoyer dafür, es in der Küche nicht immer so genau zu nehmen und einfach mal ein bisschen auszuprobieren. Hier eine Zutat hinzufügen, dort, je nach Geschmack, etwas mehr würzen oder weniger, und ganz nach Gusto sich für rote oder weiße Zwiebeln entscheiden.

Aufgrund der fehlenden Mengenangaben besticht das Kochbuch durch Kompaktheit, was die Fülle an Rezepten ermöglicht. Die Rezeptseiten verfolgen dabei stets dasselbe Muster: Eine Einstiegsseite zur jeweiligen Gemüsesorte, auf der wir im Schnelldurchlauf einige Charaktereigenschaften dieser Sorte erfahren, sowie die gewöhnlichsten Zubereitungsweisen; daneben ein paar Sätze zu „Lagern“, „Saison“ und „Passt zu“ sowie ein Rezeptfoto; ehe dann die Rezeptideen folgen. Mit 38 Möglichkeiten ist der Spitzenreiter – wer hätte es gedacht – die Kartoffel! Dicht gefolgt von der Roten Beete. Das Schlusslicht bildet der Knoblauch, was irgendwie überrascht. Denn wer hätte angenommen, dass der Knoblauch überhaupt eigenständig zubereitet werden kann? Dieng und Persson empfehlen beispielsweise, den Knoblauch mit Weißwein, Olivenöl und Thymian im Ofen zu backen.

Auf den ersten Blick scheint im Kochbuch kein Gemüse zu fehlen. Neben Dauerkandidaten wie Karotten, Tomate, Gurke und Co., finden sich auch ausgefallenere Sorten wie Palmkohl, Pak Choi oder Artischocke. Ein paar Gemüsesorten vermisst man dann doch, etwa Erbsen, Chilli oder Salate, die über Chicorée hinausgehen. Nichtsdestotrotz, das Gemüse glänzt im Kochbuch auf allen Ecken und Seiten. Nicht alle Rezepte sind vegetarisch und viele eher eine Beilage als eine Hauptmahlzeit – aber wer sagt denn, dass nicht mehrere Beilagen als Hauptgericht zusammengestellt werden können? Auf vegane Ernährung wird kein Augenmerk gelegt, zumal in den Rezepten häufig Milch, Butter, Sahne oder Eier verwendet werden. Diese Zutaten können aber jederzeit durch Pflanzenmilch, Margarine, Pflanzensahne und Ei-Ersatz-Produkte ausgetauscht werden. Das Kochbuch rundet auf fünf Seiten die Kategorie „Dips und Kalte Saucen“ ab – ein Mix aus Mayonnaise, Joghurt-, Crème Fraîche- oder Käse-Dips, Sojasauce, Kräuterbutter oder Vinaigrette.

Haptisch und optisch zählt das Kochbuch definitiv zu den Gewinnern. Die Fadenbindung sowie die Prägung auf der Coverseite geben dem Kochbuch ein sehr natürliches und ursprüngliches Layout, das mehr durch Einfachheit besticht als durch viel Schickschnack. Dies spiegelt sich auch in den siebgedruckten Illustrationen wider, die in simplem farben-weiß Kontrast keinesfalls nebensächlich wirken, sondern den Seiten eine sehr stilvolle Note verabreichen.

Damit passt die Optik zum Konzept des Kochbuchs, das im Wesentlichen zeigen will: Gemüseküche heißt auf eine Weise auch bescheidene Küche – weniger ist manchmal mehr, ja weniger ist manchmal vielfältiger, als man glaubt. Junges Gemüse. 800 leckere Rezepte für mehr Grünzeug auf dem Teller, ein Titel, der bereits alles aussagt. Packen wir die Quelle unserer Ernährung an den Wurzeln und werden wir kreativ bei all dem, was sich im Grün, Rot, Gelb, Lila, Orange, Avocado-Grün, Pastinaken-Weiß, Rotkohl-Blau, Mais-Gelb, Tomaten-Rot… versteckt. Denn das ist es, was unsere Ernährung köstlicher und vollkommen macht. Es lebe das Gemüse!



Für alle, die nach diesem Einblick Lust auf mehr bekommen haben und sich in der Welt von Gemüse, Grünzeug und Co. ausprobieren wollen: Hier geht's zum Buch auf gestalten.com:

https://gestalten.com/products/junges-gemuese 



Annette Dieng und Ingela Persson
Junges Gemüse. 800 leckere Rezepte für mehr Grünzeug auf dem Teller
Aus dem Schwedischen von Andrea Hauss-Honkanen
Gestalten 2020
188 Seiten
29,90 €