Literaturtheorie mal ganz modern

Von Jasmin Wieland (11. November 2020)


Literaturtheorie nach 2001
, so der Titel dieses Büchleins, das in der Reihe Fröhliche Wissenschaften erscheint. Eine Reihe mit Niveau, heißt es in deren Beschreibung „Essays, die in knapper Form große Gedanken, komplexe Reflexionen und nachdenkliche Betrachtungen auf den Punkt bringen“. Dass auch dieser Band von Niveau ist, lässt bereits der Titel vermuten, nicht nur, weil es sich bewusst fachkundig um ‚Literaturtheorie‘ handelt, sondern weil dezidiert eine Jahresangabe hinzugefügt wurde, die in einem Atemzug ein soziopolitisches Fass aufmacht.

Wie lässt sich diese zeitliche Verortung begründen? Ohne Zweifel ist das Jahr 2001 – allen voran mit den Terroranschlägen am 11. September – ein weltbewegendes, wenn nicht weltverändertes gewesen. Doch wie ist dies mit ‚Literaturtheorie‘ vereinbar? Hier verweisen die HerausgeberInnen auf Virginia Woolf, die in ihrem 1924 veröffentlichten Essay Mr Bennett and Mrs. Brown schreibt: “On or about December 1910 human nature changed.“ – nun abgewandelt in „on or about 2001, literary theory changed“. In Retrospektive legitimiert sich die Aussage aufgrund dessen, dass die Ereignisse von 2001 also irgendwie eine gesamtgesellschaftliche sowie disziplinäre, perspektivische Veränderung markierten. Eine definitive Antwort auf die Frage findet man im Band jedoch nicht. Vielmehr scheint es eine Art literaturwissenschaftliche Spielwiese bzw. Experiment zu sein, das aus einem Seminar heraus entstanden ist. Genauso roh und unverbraucht wie die innovativen Gedanken auf Seiten der Studierendenschaft, ist auch dieses Büchlein konzipiert. Es ist keine stoische Abhandlung in gewohnt literaturwissenschaftlicher Manier, sondern – wenn auch Intertextualität keinesfalls zu kurz kommt – ein leichter, essayistischer Stil, der trotz des anspruchsvollen Inhalts zum Pageturner avanciert.

Ebenso offen und variabel wie die Form präsentiert sich auch die Struktur des Bandes: 14 Kapitel bzw. Lemmata – von „Autorschaft“ bis „Wissen“ – sollen als „Fixpunkte“ dienen. In den einzelnen Kapiteln finden sich dann zuhauf Querverweise zu anderen Lemmata. So heißt es bspw. im Kapitel „Form“, dass der literarische Text in einer Dialektik von ‚mimesis‘ und ‚poiesis‘ eine Verbindung zur Welt herstelle, wobei auf das Lemmata „Realität“ verwiesen wird. An anderer Stelle, im Kapitel „Medialität“, wird wiederum auf das Lemmata „Form“ verwiesen, da das Bewusstsein für das Medium den Blick über das klassische Begriffspaar ‚Form und Inhalt‘ hinaus erweitere. Was zeigt sich hierbei? Strukturen werden bewusst aufgebrochen und verschwimmen ineinander. Es gibt nicht die eine Theorie zu „Form“, weder die eine zu „Gesellschaft“, „Medialität“ oder „Realität“; Literaturtheorie ist ein Cluster aus diversen Variablen, die gerade im 21. Jahrhundert, indem die Welt vernetzter ist als je zuvor, ein eben solches Netz spannen, das keinen Fall von Eingrenzung und Feststecken symbolisiert, sondern eines der Elastizität und der Dynamik darstellt. Literaturtheorie nach 2001 ist ein modernes Unterfangen, das sich am Puls der Zeit bewegt und gerade auch Faktoren wie „Materialität“, „Medialität“ und „Umwelt“ miteinbindet.

Auch wenn Literaturtheorie nach 2001 an manchen Stellen ein wenig schwammig und ungreifbar bleibt, ist der Band zweifellos gelungen. Dies liegt zum einen an der überaus originellen und lebendigen Konzeption, zu einem anderen Teil sicherlich auch an der diskussions- und debattenfreudigen Ausgangslage eines Seminars. Selbst wenn ‚Literaturtheorie‘ womöglich archaisch klingt, verbirgt sich dahinter doch ein Spektrum, das auch in Richtung Zukunft zeigt. Und diese drückt gegenwärtig die Bänke und Stühle der Universitäten. Schampus für den Campus!



Patrick Durdel, Florian Gödel, Christian Lamp et al. (Hg.)
Literaturtheorie nach 2001
Matthes & Seitz Berlin 2020
132 Seiten
12,00 Euro