Erziehen im 21. Jahrhundert: Wurzeln und vor allem Flügel

Von Jasmin Wieland (15. Juli 2021)


Die Welt hat sich geändert. Auch wenn in einigen Ländern immer noch totalitäre Systeme herrschen, die gerade der jungen Generation einen Verhaltenskodex, der auf klaren Regeln basiert, auferlegt, so ist die Welt doch deutlich enger zusammengerückt. Die heutige Welt ist eine globalisierte. Krisen wie der Klimawandel oder jüngst die Corona-Pandemie können nur gemeinschaftlich und global gelöst werden, was zumindest der Mehrheit bewusst ist. Dieser Wandel bedingt auch, dass wir das bisherige Konzept von „Erziehung“ überdenken müssen. Mit ihrem Erziehungsratgeber Frei und Unverbogen bricht Susanne Mierau hierfür eine Lanze und fordert ganz klar: Ein neues Verständnis von „Erziehung“ muss her, eines, das sich eben davon abwendet und hin zur „Beziehung“ wandelt.

„Die Beziehung von Eltern und Kind beeinflusst das gesamte Leben eines Kindes“. So lautet der erste Satz Mieraus, womit sie unmittelbar den Grundstein für ihre Argumentation legt. Das Wort „Beziehung“ dient als Aufhänger und zieht sich durchs gesamte Buch. Die Forderung ist ein grundlegender Wandel des Erziehungskonzeptes, das sich abkehrt von früheren Methoden der Erziehung eines Kindes im Sinne des Staates, heißt: Kinder so zu erziehen, dass sie in das jeweilige System passen und somit diesem dienen, hinzu Kinder „frei und unverbogen“ zu erziehen, ihnen Freiraum zur individuellen Entfaltung zu bieten und sie vor allem darin zu fördern, ihre jeweiligen Fähigkeiten und ihre Kreativität vollends auszuleben.

Damit dieses neue Konzept von „Erziehung“ gelingt, motiviert Mierau in erster Linie Eltern dazu, sich mit der eigenen Kindheit und somit Erziehung auseinanderzusetzen. Ein Hauptanliegen Mieraus liegt auf der Reflektion von Gewalterfahrungen, wobei sie zwischen körperlicher und seelischer unterscheidet. Eltern sollten sich beispielweise hinterfragen, wann und wie sie in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben und inwiefern diese Erfahrungen sie bis heute prägen, was sich dann wiederum in ihrem Umgang mit ihren eigenen Kindern äußert. Die Gewaltanwendung gegenüber Kindern, die zu deren Diskriminierung führt und somit ein Machtgefälle zwischen Eltern und Kind unterstreicht, muss nach Mierau überwundern werden. Schlüssel hierfür ist beispielsweise eine verbesserte Diskussionskultur, wobei beide Seiten ihre Bedürfnisse äußern können. Damit unterstreicht Mierau auch, dass „Beziehen“ nicht gleich „Nicht-Erziehen“ heißt. Es geht ihr nicht darum, das Rad zu wenden und nun das ganze elterliche Leben am Kinde auszurichten. Kinder sind schutzbedürftig. Vielmehr geht es Mierau darum, ein kollegiales Miteinander zu schaffen, bei dem sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen, ihre Bedürfnisse gegenseitig respektieren und einen wertvollen Umgang miteinander schaffen.

Auch wenn Mierau gegenüber früheren Methoden den Zeigefinger hebt und zum Teil deutliche Kritik an gegenwärtigen Ratgebern äußert, die nach wie vor traditionelle Erziehungsmethoden befürworten, ist Frei und unverbogen kein aggressives Buch. Mieraus Ton ist ein sehr nahbarer und wohlgesinnter.  Das, was Mierau thematisch vermittelt, hat sie bereits verinnerlicht: Ein moderneres und kollegialeres Miteinander, was sich auch anhand dessen zeigt, dass sie die Elternschaft mit „Du“ anspricht; sowie eine Gesellschaft, für die Weltoffenheit und Toleranz eine Selbstverständlichkeit sind, etwa wenn Mierau als Beispiel ganz selbstverständlich als Eltern zwei Frauen nennt.

Darüber hinaus besteht kein Zweifel an Mieraus Glaubwürdigkeit. Als Kleinkindpädagogin und Familienbegleiterin ist sie vom Fach. Sie argumentiert logisch und nachvollziehbar, was auch daran liegt, dass sie ihre eigenen Thesen mit wissenschaftlichen Studien und Fakten legitimiert und Querverweise herstellt. Gleichzeitig gibt sie den Lesenden Beispiele aus ihrer Praxis sowie Reflexionsaufgaben an die Hand. Diese gute Mischung aus Wissenschaftlichkeit einerseits und Praxisnähe andererseits macht die Qualität dieses Ratgebers aus.

Frei und unverbogen ist zwar ein Erziehungsratgeber, jedoch lohnt sich die Lektüre nicht nur für angehende Eltern oder jene, die es bereits sind. Vielmehr zeigt sie, wie eng das Konzept von Erziehung in unserer Gesellschaft verankert ist und diese nachhaltig prägt, weshalb Frei und unverbogen auch als gesellschaftskritisches Sachbuch gelesen werden kann und für jede:n einen lohnenswerte Lektüre darstellt. Bei der Fülle an Inhalt und Ratschlägen gilt in jedem Falle was Mierau bereits in der Einleitung rät: Das Buch will langsam gelesen werden.



Susanne Mierau
Frei und Unverbogen
Beltz 2021
273 Seiten
18,95 Euro