Die Liebe in Zeiten der Digitalisierung: Da wolltest Du nie hin? Jetzt bist Du nun mal da.

von Anna-Lena Oldenburg (4. Juli 2016)

 

 

Viele Männer sind nach Ansicht Aziz Ansaris »Bozos«, eine Allzweckbeleidigung, die komplette Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Bedürfnisse und Vorlieben des zu verführenden Gegenübers signalisieren kann, eine Tendenz zum Zeitraub durch in ihrer Beliebigkeit kaum zu überbietenden Nachrichten oder eine fast schmerzhaft zu beobachtende Verrenkung in coole Posen, in einem verzweifelten Versuch den Zustand des »hip and happening«-Seins zu erreichen.

Ansaris Beobachtungen wirken zutreffend, wenn auch nicht revolutionär. Heute wird anders sortiert und rigoroser selektiert in der Partnerwahl, sodass der idealisierte Über-Partner ein nicht zu erreichendes Traumbild bleibt. Eine schier unmögliche Zahl an kleinen Kästchen soll gleichzeitig und von der gleichen Person abgehakt werden, während Kompatibilität schnell und effektiv durch eine Überprüfung der Onlineperson abgeklopft wird. Ein unvorsichtig abgesetzter Tweet, ein Bild zu viel mit einem Bier in der Hand, Fan des falschen Sportteams? Selbst der attraktivste und charmanteste Mensch kann, wenn auch nicht willkürlich, dann aber doch aus wenig stichhaltigen Gründen aussortiert werden. Weil Ansari ein heterosexueller Mann ist, ist dies auch die Position von der aus er den Datingmarkt analysiert und darüber staunt, inwiefern die Onlinepartnersuche inzwischen zur Normalität geworden ist und wie es passieren konnte, dass selbst Durchschnittstypen in einem Zustand des »Niemals-gut-genug« ankommen konnten. Partnerbörsen im Netz erscheinen wie ein gut gefülltes Supermarktregal mit kaum beherrschbaren Überangebot, ein kapitalistischen Wunderland mit einem hohen Druck zur Individualisierung, zur Inszenierung, zum Wettbewerb um den attraktivsten Partner. Wenn Ansari davon erzählt, wie er in einer seiner Stand-Up-Shows das OkCupid-Postfach einer Frau öffentlich zeigt, nur um dadurch preiszugeben, dass viele Frauen online mit einer Vielzahl wenig durchdachter Offerten bombardiert werden – hier 50 Nachrichten täglich – dann spürt man förmlich, wie die Luft im Saal dünner wird.

I want to ride my bicycle

von Dominik Achtermeier (11. Juni 2016)

 

 

Eine Hymne auf den verlässlichen Drahtesel – nein, dies ist kein Schimpfwort – verfasst Marc Augé in Lob des Fahrrads und beweist, warum die Radfahrer die neuen Flaneure auf der Straße sind.

Das Fortbewegungsmittel Nummer eins der Westeuropäer birgt eine spannende, kulturelle Verankerung im Leben der Menschen. Nicht nur die Holländer wissen, dass das Fahrradfahren mehr ist als ein mechanischer Prozess, um einen Ortswechsel zu vollziehen. Es ist ein Gefühl der Freiheit, Bewegung und Emanzipation, kurzum: ein Lebensgefühl. Hören wir da den Sound der 68er oder der aufkommenden Popbewegung heraus? Ja, in der Tat! Erinnern wir uns etwa an den französischen Hit La Bicyclette (1968) von Yves Montand oder Queens Bicycle Race (1978), so reiht sich Augé ein in eine Reihe von Poeten und Persönlichkeiten, die das Zweirad bereits besungen und hochgelobt haben.

Eine vielfach unterschätzte Krankheit

von Tanja Schlaifer (25. Mai 2016)

 

 

Doch Depression ist eine Art Quantenphysik der Gedanken und Gefühle. Sie deckt auf, was normalerweise verborgen ist. Sie löst dich auf und alles, was du je gewusst hast.«

Matt Haig erzählt in seinem neuen Buch Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben von einer Krankheit, die häufiger auftritt, als so mancher glaubt und die von vielen nicht ernst genug genommen wird. Mit 24 Jahren erkrankt der Autor selbst an Depression mit Angststörung. Auf einmal ändert sich sein ganzes Leben und nur der Gedanke an seine Familie und seine Freundin lässt ihn zunächst weitermachen.

Das Abenteuer ruft

von Marlene Hartmann (22. Mai 2016)

 

 

Von der Businessfrau zur Wanderfanatikerin: 12700 Kilometer ist dieser Weg lang und gesäumt mit Entscheidungen, Erlebnissen und Erinnerungen, die Christine Thürmer in ihrem Buch Laufen. Essen. Schlafen. teilt.

Wer hätte gedacht, dass eine Kündigung der Startschuss zu einem aufregenderen Leben sein könnte? Christine Thürmer – die geborene Geschäftsfrau – sieht sich mit einer eigentlich aussichtslosen Situation konfrontiert und beschließt, die Flucht nach vorne anzutreten: Einfach abhauen und laufen. 4277 Kilometer, um genau zu sein. So lang ist nämlich der Pacific Crest Trail, einer der drei berühmten US-amerikanischen Trails, die sich von der Grenze zu Mexiko bis nach Kanada erstrecken. Als unerfahrene Wanderin bereitet sie sich gewissenhaft vor: plant alles bis ins kleinste Detail, erörtert die besten Ausrüstungsgegenstände und bricht schließlich zu ihrem Abenteuer auf. Und auf genau diese durchgetaktete Art liest sich ihr Reisebericht auch. Er scheint systematischen Episoden zu folgen, die zwar von ihren ungewöhnlichen Mitwanderern und kleinen Abenteuern begleitet werden, sich dabei aber doch immer gleich anfühlen. Einige unerwartete Situationen stellen sich Christine Thürmer auf ihrer Reise in den Weg: Schneefelder, reißende Flüsse und steile Abhänge sind nur ein paar der Hürden, die die sogenannten thruhiker meistern müssen. Auf dem Trail geht es nur um eines: Weitergehen – komme, was wolle. »Der Trail hat mich stark gemacht«, so sieht das Fazit nach fünf Monaten des Laufens aus.

Wenn Wunder wahr werden

von Dominik Achtermeier (30. April 2016)

 

 

 

Hansen und Paul begeben sich auf ihr nächstes Abenteuer, nachdem sie bereits 13600 Kilometer mit dem Fahrrad von Deutschland nach China zurückgelegt haben: In 80 Tagen wollen sie – in Anlehnung an den Klassiker von Jules Verne – um die Welt. Nur eines ist neu bei ihrer Interpretation: finanzielle Mittel sind Tabu, um das Ziel der Weltumrundung zu erreichen.

Gewusst wie und doch kein leichtes Unterfangen

Sie sind erprobte, harte Jungs, die keine Scheu vor Hürden haben, sind sie auch anfänglich noch so groß. Scheitern kennen Hansen und Paul nicht, denn alles ist geplant – eben nur nicht bis ins Kleinste. Und so wagen sie sich von Berlin aus in ihr Abenteuer einmal rund um den Globus. Ihr Weg, den beide in Form von Tagebucheinträgen in Zwei um die Welt nachzeichnen, führt sie per Anhalter, Zug, Bus oder Flugzeug von Europa aus über Nordamerika zunächst bis nach Japan. In Tokio gelandet schreibt Paul: »So sieht also die Zukunft aus [] und keiner versteht uns. Nicht mal die Dame am Informationsschalter spricht Englisch. Wie sollen wir uns hier bloß zurechtfinden, geschweige denn mit unserer Geschichte Geld verdienen?«