Scheitern für Anfänger

von Svenja Zeitler (14. Oktober 2016)

© Dumont

»Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wir alle haben schon versagt.« Dieses Bewusstsein über die Unfehlbarkeit eines Jeden bildet die Grundlage für Erik Kessels Buch Fast Pefrekt. Darin beschäftigt er sich mit Fehlern im Alltag, damit, wie aus solchen Malheuren Kunst entstanden ist, und vor allem damit, wie man selbst das Potenzial solcher Fehler nutzen kann.

Schon das Äußerliche des handlichen Ratgebers deutet an, was einen darin erwarten wird. Vom Buchstabendreher im Titel, den unser geübtes Gehirn meist einfach von selbst korrigiert und übersieht, abgesehen, sind Vorder- und Rückseite des Umschlags vertauscht. So wandert das Werk erst ein paar Mal durch die verwirrten Hände des Lesers, bis schließlich der Anfang gefunden wird.

Appetit auf Sprache – ¡Con mucho gusto!

Von Jasmin Wieland (10. Oktober 2016)

 

 

Am Erlernen einer Fremdsprache kann man sich manchmal ganz schön die Zähne ausbeißen. María Montes Vicentes ¡Qué rico! Backen auf Spanisch ist da eine fluffige Alternative. Montes Vicente verbindet das Angenehme mit dem Arbeitsintensiven und hat 20 traditionelle spanische und lateinamerikanische Rezepte zusammengestellt – rund um Tarta de Santiago, Churros und Empanada peruana – denen jeweils eine Aufgabenseite zu Vokabular, Grammatik und Textverständnis folgt.

Das Backbuch wendet sich an Lernende mit B1 Niveau, weshalb die Rezepte auf Spanisch verfasst sind. Die sprachliche Gestaltung der Rezepte ist dabei sehr gelungen, da mal der Infinitiv verwendet wird, mal das Futur, mal Indikativ, mal Subjunktiv und man somit viele Zeitformen und Modi wiederholt; dasselbe gilt für das Vokabular. Schwierige Vokabeln sind farblich hervorgehoben und neben dem Rezept mit ihrer deutschen Übersetzung abgedruckt. Einziger Haken: auf den verschiedenen Rezeptseiten werden immer wieder dieselben Vokabeln übersetzt, was zwar einen gewissen Lerneffekt erzielt, jedoch fehlen an der Stelle leider die Übersetzungen anderer Vokabeln, die für das bessere Verständnis des Rezeptes hilfreich gewesen wären.

Die Liebe in Zeiten der Digitalisierung: Da wolltest Du nie hin? Jetzt bist Du nun mal da.

von Anna-Lena Oldenburg (4. Juli 2016)

 

 

Viele Männer sind nach Ansicht Aziz Ansaris »Bozos«, eine Allzweckbeleidigung, die komplette Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Bedürfnisse und Vorlieben des zu verführenden Gegenübers signalisieren kann, eine Tendenz zum Zeitraub durch in ihrer Beliebigkeit kaum zu überbietenden Nachrichten oder eine fast schmerzhaft zu beobachtende Verrenkung in coole Posen, in einem verzweifelten Versuch den Zustand des »hip and happening«-Seins zu erreichen.

Ansaris Beobachtungen wirken zutreffend, wenn auch nicht revolutionär. Heute wird anders sortiert und rigoroser selektiert in der Partnerwahl, sodass der idealisierte Über-Partner ein nicht zu erreichendes Traumbild bleibt. Eine schier unmögliche Zahl an kleinen Kästchen soll gleichzeitig und von der gleichen Person abgehakt werden, während Kompatibilität schnell und effektiv durch eine Überprüfung der Onlineperson abgeklopft wird. Ein unvorsichtig abgesetzter Tweet, ein Bild zu viel mit einem Bier in der Hand, Fan des falschen Sportteams? Selbst der attraktivste und charmanteste Mensch kann, wenn auch nicht willkürlich, dann aber doch aus wenig stichhaltigen Gründen aussortiert werden. Weil Ansari ein heterosexueller Mann ist, ist dies auch die Position von der aus er den Datingmarkt analysiert und darüber staunt, inwiefern die Onlinepartnersuche inzwischen zur Normalität geworden ist und wie es passieren konnte, dass selbst Durchschnittstypen in einem Zustand des »Niemals-gut-genug« ankommen konnten. Partnerbörsen im Netz erscheinen wie ein gut gefülltes Supermarktregal mit kaum beherrschbaren Überangebot, ein kapitalistischen Wunderland mit einem hohen Druck zur Individualisierung, zur Inszenierung, zum Wettbewerb um den attraktivsten Partner. Wenn Ansari davon erzählt, wie er in einer seiner Stand-Up-Shows das OkCupid-Postfach einer Frau öffentlich zeigt, nur um dadurch preiszugeben, dass viele Frauen online mit einer Vielzahl wenig durchdachter Offerten bombardiert werden – hier 50 Nachrichten täglich – dann spürt man förmlich, wie die Luft im Saal dünner wird.

I want to ride my bicycle

von Dominik Achtermeier (11. Juni 2016)

 

 

Eine Hymne auf den verlässlichen Drahtesel – nein, dies ist kein Schimpfwort – verfasst Marc Augé in Lob des Fahrrads und beweist, warum die Radfahrer die neuen Flaneure auf der Straße sind.

Das Fortbewegungsmittel Nummer eins der Westeuropäer birgt eine spannende, kulturelle Verankerung im Leben der Menschen. Nicht nur die Holländer wissen, dass das Fahrradfahren mehr ist als ein mechanischer Prozess, um einen Ortswechsel zu vollziehen. Es ist ein Gefühl der Freiheit, Bewegung und Emanzipation, kurzum: ein Lebensgefühl. Hören wir da den Sound der 68er oder der aufkommenden Popbewegung heraus? Ja, in der Tat! Erinnern wir uns etwa an den französischen Hit La Bicyclette (1968) von Yves Montand oder Queens Bicycle Race (1978), so reiht sich Augé ein in eine Reihe von Poeten und Persönlichkeiten, die das Zweirad bereits besungen und hochgelobt haben.

Eine vielfach unterschätzte Krankheit

von Tanja Schlaifer (25. Mai 2016)

 

 

Doch Depression ist eine Art Quantenphysik der Gedanken und Gefühle. Sie deckt auf, was normalerweise verborgen ist. Sie löst dich auf und alles, was du je gewusst hast.«

Matt Haig erzählt in seinem neuen Buch Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben von einer Krankheit, die häufiger auftritt, als so mancher glaubt und die von vielen nicht ernst genug genommen wird. Mit 24 Jahren erkrankt der Autor selbst an Depression mit Angststörung. Auf einmal ändert sich sein ganzes Leben und nur der Gedanke an seine Familie und seine Freundin lässt ihn zunächst weitermachen.