Nachrichten von Thomas K.

von Felix Gerhard (29. Juli 2015)

© Guido Apel

Vergangen Samstag fand im Skulpturenpark von Bernd Wagenhäuser der bisher noch einzigartige Tag der Performance statt. Deutlich wurde vor allem, wie vielseitig und lebendig die Bamberger Kulturszene ist. Ein Überblick.

Das Wesen der Performance liegt in ihrer Gegenwärtigkeit. Man kann sie nacherzählen, sie oder ihre Wirkung versuchen zu beschreiben, und doch bleibt sie nicht zu wiederholen. Auch im Wortsinne, also nicht wiederzuholen, herbeizuschaffen, weder im eventuell aufgenommenen Ton- oder Bildmitschnitt und noch viel weniger in einem im Nachhinein resümierenden Text. Junge Menschen mit modernen Kommunikationsgeräten auf Konzerten vergessen das zuweilen, wenn sie den Sänger nur noch durch den kleinen Bildschirm vor ihren doch so viel mehr aufzunehmen bereiten Köpfen wahrnehmen. Was gleich noch einen wichtigen Faktor für das Gelingen einer Performance zeigt: das Publikum. Eine Performance ist nur so gut wie das Publikum, das sie wahrnimmt. Dass manch Künstler es auch dem willigen Kunstliebhaber mit allzu vertrackten Ideen etwas schwer macht, steht auf einem anderen Blatt, das Kunstkenner ausspielen können. Am Samstag jedoch wurde im Skulpturenpark von Bernd Wagenhäuser die Kunst ein wenig von ihrem mit den Jahren zum Klischee gewordenen Image, nur eingeweihte Kunstkenner mit weißem Seidenschal, Nickelbrille und Weißwein etwas anzugehen, befreit und jedem, der wollte, zugänglich gemacht. Wer also nicht da war, ist selbst schuld und dem kann nicht mehr geholfen werden.

Anlass für diesen ersten Tag der Performance war die Vernissage zweier neuer Plastiken vom Bamberger Künstler Bernd Wagenhäuser, einer »der wichtigsten Repräsentationen der bildenden Gegenwartskunst Bambergs« (so der Flyer). Insgesamt acht Stunden wurde nun ohne Unterlass von allerlei ansässigen und weitgereisten Kreativschaffenden Kunst betrieben. Wo man sonst zuerst einmal sich selbst einen Überblick schaffen und dann noch behalten und zu jeder Institution einzeln gehen muss, tritt hier ein gewichtiger Teil der hiesigen Kulturszene auf einem Platz zusammen und macht deutlich, wie viel in Bamberg los ist. Da lesen Schauspieler vom E.T.A.-Hoffmann-Theater zu Improvisation von Brotmüller und Uroš Rojkos Klarinettenspiel, oder führen willige Besucher mehr oder weniger freiwillig herrschend an der Nase herum, da lässt das Kunstprojekt INGE Zwecks des Schau-»Prozesses des Hainschwimmers« in der Regnitz schwimmen, oder Olga Seehafer, Schauspielerin des TiG, fragen, »Wurst oder Werk«, und Villastipendiat Arild Vange liest zu rhythmischem Klopfen auf Skulpturen von Bernd Wagenhäuser. Das Kontakt!-Kulturprojekt ist mit dabei, Getränke gibt’s unter dem Pavillon der GuK und auch sonst machen noch viele weitere bekannte oder unbekanntere Künstler mit. Zu viel, um alles ihrem Wert gebührend aufzunehmen, aber immer ausreichend, um ständig von einer kreativen Atmosphäre umgeben zu sein. Auch dann, wenn man nur von weitem auf einer Decke liegend etwa der Inszenierung einer sogenannten ›Oper‹ oder etwas hinreichend ähnlichem von Iris ter Schiphorst zusieht, deren Klang sich trotz zahlreicher spontan Freiwilliger nämlich nicht über die doch zahlreichen Besucher dazwischen an Tischen, in Liegestühlen und stehend hinwegsetzen kann. Am Ende des Tages gibt es zu den Getränken noch was auf die Ohren, und zwar direkt drauf: Denn damit die Nachbarn nicht gestört werden, kommt die Musik zur abschließenden Party aus Kopfhörern. Und zu feiern gab es für die Künstler einiges. Viele Interessierte waren da, das Wetter hat gehalten, wenn auch zuweilen verdächtig dunkle Wolken vom starken Wind herbeigeweht wurden, und die Kunst stand im Mittelpunkt und hat unterhalten. Das ist ganz positiv gemeint. Man hat nämlich die Waage gefunden zwischen einem netten Tag im Park und engagierter Kultur. Zu keinem Zeitpunkt war es zu anstrengend, sich den einzelnen Projekten hinzugeben, kaum etwas wurde da gewollt an den Haaren herbeigezogen oder biederte sich mit allzu einfachen Tricks und Witzen an. Mit Hand und Fuß ging die Arbeit in den Kopf.

Doch darf man fragen, ob die Kunst nur zeigt, was in Bamberg möglich ist, oder ob der Tag der Performance, die laut Eigenwerbung größte Veranstaltung dazu Deutschlandweit, auch darüber hinaus weist? Dass der »Prozess des Hainschwimmers« etwas über die seltsame Gewässerpolitik für hitzige Sommertage mitteilt, kann ihm da gar nicht als Nachteil ausgelegt werden. Eher der nette Applaus hinterher, nachdem der Hainschwimmer 20 Minuten lang auf gleicher Stelle gegen den Strom geschwommen ist, während Gesetze verlesen wurden, so, als ob der Künstler gerade durch einen brennenden Reifen gesprungen wäre. Seltsam, wo doch noch mehr hinter der durchaus witzigen, aber nicht minder gewitzten Idee steckte. Ähnlich bei jenen Schauspielern des E.T.A., die Besucher anhand lächerlicher Fragen – wenn diese überhaupt den Ausschlag gaben – in Rot und Blau eingeteilt haben und sie anhand dieser willkürlichen Unterteilung zu sinnlosen Aufgaben über das Gelände schickten und die ›Betroffenen‹ dieser Willkürpolitik lieber witzeln als denken, lieber Ausreden für bzw. gegen das Mitmachen suchen als zu verstehen versuchen, was sie da genau ausgesetzt sind. Sei es ein Kommentar zu Asylpolitik, sei es Nationalismus im Kleinen oder einfach nur Rassismus – ich bin Rot, der ist Blau, dabei sind beide bunt –, der hinter alldem steckt, hätte jeder selbst entscheiden können. Wofür die Kunst nicht zur Rechenschaft gezogen werden darf. Schon eher für die doch ein wenig in die Jahre gekommene Idee, Vortrag mit Musik zu versehen und zu glauben, das ergäbe schon eine Performance. Damit ist weniger über beides einzeln ausgesagt. Weder der Text von Erdferkel, der mit ein wenig Beat-Poesie, ein wenig James Dean oder Raging Bull zur Apokalypse wollte, noch der zuweilen atmosphärische Bass samt freejazziger Klarinette und etwas einfachem Rhythmus sind schlecht und passen in ihrer Fixierung auf die 50er-Jahre doch recht gut, klingen zusammen aber doch ein wenig zu sehr nach der letzten Verfilmung von Allen Ginsbergs Howl. Dass die Idee so alt ist und immernoch so wunderbar funktioniert spricht für die Vortragenden. Trotzdem kamen in den letzten 60 Jahren noch ein paar andere Ideen zum Vortrag von literarischen Texten dazu, wie Arild Vange sicherlich weiß, wo er doch unter anderem auch Thomas Kling ins Norwegische übersetzt hat. Jener Thomas K. schrieb Anfang der 90er: »dem in den vergangenen achtzig jahren entwickelten performancebegriff, und seinen massiven metamorphosen, gerade im letzten jahrzehnt, trägt der vortragende dichter (= sprachinstallateuer) rechnung, indem er auf requisiten / mätzchen etwelcher art verzichtet.« Ein Vertrauen in seinen Text hätte Vange sicherlich gut getan. Denn leider wird der zusammen mit Felix Forsbach geschickt duellierend, sich gegenseitig ergänzend, erklärend und aneinander hochziehende Vortrag hier und da von den willkürlichen, denn, so scheint es, esoterischen Gefühlen der beiden Metallschläger gehorchenden Rhythmen stellenweise überlagert. Schade. Aber gut, denn schlecht war es im Einzelnen ja nicht. Und warum? Dazu sei ein anderer Thomas K. zitiert, Kapielski sein Familienname, er schrieb im Jahr 2009 folgende Zeilen in seinen Band Mischwald: »Hier heischt keiner nach Ruhm und Geld, hier trompetet keiner: Findet mich toll! bin steilste Moderne! bin wertvoll! verdanke mich dem GENIE eines KÜNSTLERS! Nix da. So einfach und erfreulich kann die Kunstwelt sein.«