Amore mio

von Niklas Schmitt (4. November 2015)

 

© Niklas Schmitt

Vergangenen Samstag wurde in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis an Rainald Goetz verliehen. In seiner Dankrede suchte er die Verbindung zwischen Jugend, Institution, Leben und Schreiben herzustellen.

Vier Tage sind nun schon vergangen, seit Rainald Goetz den wichtigsten deutschen Literaturpreis, den Georg-Büchner-Preis, feierlich in Darmstadt überreicht bekam. Die wichtigsten Feuilletons bis hin zum Lëtzebuerger Journal haben bereits vorgestern ihre Berichte abgeliefert. Die Laudatio von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube war sogar schon in der Sonntagsausgabe abgedruckt. So schnell geht das im Journalismus. Zuerst passiert was, dann wird drüber berichtet und zum Schluss drüber gesprochen. Debatte. Mir ging das alles zu schnell. Mittlerweile habe ich soweit alles dazu gelesen und versuche mir rückblickend darüber klar zu werden, was denn da los war, mit mir.

Äußerlich pflichtgemäß saß ich im großen Saal des Staatstheaters Darmstadt, hatte einen Notizblock mit Bleistift vor mir liegen als Rainald Goetz, mittlerweile 61 Jahre alt, sich noch im Gehen das Sakko anziehend, auf die Bühne schwang. Da war sie, seine Jugendlichkeit, die man bis heute aus den Texten kennt, die er in immer größer werdenden Abständen in die Welt entlässt, und die ich auch von mir kenne, der ich auf dem Papier noch jünger bin als er war, als 1983 sein Debutroman Irre erschien – er da aber schon zwei Doktortitel inne und gezeigt hatte, dass sich bei ihm stets Herz und Verstand einen. Man bezeichnet ihn zwar gerne als »enfant terrible«, aber ein Junge ist er schon lange nicht mehr und der Schrecken, den er wiedergibt, ist doch nur der Schrecken der Welt, die er mit heißem Herz liebt und nicht anders kann als mit ihr kaputtzugehen. Kein Provokateur aus Prinzip, sondern jemand, dem die Sache am Herzen liegt. Die Sache ist der Mensch. So war die zentrale Frage seiner Dankrede auch, wie wollen wir leben? Für ihn selbst hieß das: Was bedeutet es, ein Leben als Schriftsteller zu führen?

Keine Ahnung, was er da genau alles gesagt hat. Nach wenigen Minuten wollte ich gar nicht mehr mitschreiben, keine guten Zitate aus dieser Rede herausschneiden. Ich hatte Angst, etwas von der Begeisterung zu verlieren, die in mir anstieg, als ich merkte, wie ich dabei war als er nervös wie eh und je auf der Bühne stand, wie er sichs durch Gesicht fuhr und das Sakko, wie zum Schutz sich zuzog, so das Lëtzebuerger Journal, und nur zu mir zu sprechen schien. Sitzen, zuschauen, gebannt sein. Irgendwann, so dachte ich mir, würde ich schon noch an den Text kommen und meine diffusen Gefühle mit dem dann abgedruckten gesprochenen Wort in Einklang bringen. Zuhören, was gesagt wird, das mit seinem Ich abgleichen und aufschreiben, damit andere es ähnlich erleben können. Das ist natürlich läppisch, ich als Abschlussarbeitenanfänger mit ihm als Thema, lachhaft, bei ihm nimmt das manische Züge an, die ihn aber mit »einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht« haben, so die Jury. Aber diese persönliche Nähe zu all seinen Themen, dem Punk, Techno oder dem Berliner Feuilletonmenschen, macht seine Texte nicht nur relevant, sondern hält sie auch lebendig. Denn auch darin werden nur mögliche Antworten auf die Frage gegeben, wie gelebt werden kann: extrem, intensiv, kaputt oder »böse real und realistisch kaputt«, wie seine Rede in der Welt zitiert wird. Überall dabei, alles ist wichtig, alles geht ihn an und er mich.

Auf dem Heimweg, Umstieg in Würzburg, schnell in die Bahnhofsbuchhandlung und die taz gekauft, die einzige Zeitung, die es bei uns in der Bibliothek nicht gibt, und gelesen: »Auf Wunsch von Rainald Goetz wird man die Rede erst in einiger Zeit öffentlich lesen können.« Na toll. Und ich habe mir nichts aufgeschrieben. Also zu Hause schnell die Tasche aufs Bett werfen und in der Bibliothek die Tageszeitungen ›kontrollieren‹, wie er es nennen würde. »Furios, fiebrig, fahrig und hochkonzentriert zugleich,« schreibt die FAZ, lese ich bei Bier in irgendeiner Kneipe, um mich wieder zu beruhigen und die Leute um mich herum zu vergessen. Bei den Leuten sein, alles aufnehmen, aber doch in einer eigenen Welt leben, nicht dazugehören. Von dieser Spannung zehrt das Werk Rainald Goetzs. Und jetzt soll er also zur Reihe der Büchnerpreisträger gehören, der Akademie der Deutschen Sprache und Dichtung, einer verstaubten Instituion alter Säcke? Ja, denn Georg Büchner heißt auch Jugend, sagte er, und versucht gar nicht, sich gegen das Altern zu wehren, sondern zu verstehen, was es heißt, jetzt dort in die 1951 mit Gottfried Benn begonnene Riege von Schriftstellern aufgenommen zu sein. Zitiert die Reden von Bernhard, Handke, dessen er als Abiturient fiebrig im Bus nach Italien las, wie ich dort saß und an seinen Lippen hing. Das Schreiben altert nicht gut, und was er dazu alles von sich gibt, sein abhanden gekommenes Ich, die Kaputtheit des Lebens, die am Körper ausdrückt, was dem Geist täglich seit Jahren widerfährt: Zersetzung. Was er sagt, was ich von ihm gehört habe, waren aber weniger Worte. Es war mehr, was ich bisher in keinem der vor Redaktionsschluss hingeschluderten Nachrufberichtartikel nachlesen konnte, und das ist die wahre Schönheit von Rainald Goetz, einer Schönheit, die sich nicht am Ästhetischen misst, sondern am Wahren, und diese entsteht durch seine gnadenlose Ehrlichkeit. »Aber wo soll die Sehnsucht, Wahrheit zu suchen, herkommen, wenn die Jugend weg ist?« heißt es in seinem letzten Roman, Johann Holtrop.

Schon immer war es so, er hat vor nichts Halt gemacht, auch nicht vor sich selbst, Selbsthass, Selbstzerstörung und jetzt: Zweifel. Das macht die Rede schön, diese Ehrlichkeit in der Trauer über die Zweifel im Schreiben. Traurig war es, diesen früher hochproduktiven, wortgewandten und durch die Direktheit auch Gewaltigen von seinen Schwierigkeiten, die Worte zu finden, seiner Welt, reden zu hören. Redezitat aus der SZ: »Selten wird es gesagt, in welchem Ausmaß die Produktion von Kunst, die ja ein Element des Ekstatischen braucht, durch das Altern beschämt, ruiniert, verunmöglicht wird. Das Leben zerstört die innere Stimme, der Maßstab, mit dem ich mich früher nur öffnen musste, um zu erfahren, was soll, kann, was darf nicht, ist verschwunden. Es gibt gar kein Ich mehr. Das Ich ist aus mir hinaus ausgewandert und in die Welt hinein, dort steht es mir fremd gegenüber zum Verwechseln ähnlich mit den vielen anderen da draußen.« Die Offenheit ist geblieben. Diese Offenheit spricht so viele an, die Ähnliches kennen. Ich gehe nicht davon aus, meine Abschlussarbeit schreiben zu können, viel eher halte ich mich über Wasser mit läppischen Gedanken anderer Leute, oder ich bringe alles auf, um doch noch ein paar kluge Sachen, wenigstens, aufs Papier zu bringen. Der Preis ist hoch. Wochenlange Arbeit, Lektüre, soziale Vernachlässigung, dauerhaft hoher Koffeinpegel, wenig Schlaf, man wird verrückt dabei. Das ist der Preis und noch ein geringer, im Gegensatz zu jenem, die die Künstler zahlen, uns mit ihrer Kunst am Leben zu halten. Man selbst ist immer der Preis, den man zahlen muss, damit am Ende für den Leser ein Gewinn ist. Und dieser Preis muss hart erkämpft werden. Oder nicht. Denn seine Antwort ist eine einfache, und er zitiert, das klingt noch im Ohr, Wandas Bologna: »Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore.« Die Liebe, die Leidenschaft für sich selbst, für das, wofür man brennt. Mit Amore heißt der Kampf Leben. Oder so. Die Jugend schwindet langsam ins Alter. Der Rebell wird akademisiert. Kein Problem. Solange man nichts und niemandem, auch nicht sich selbst hinterhertrauert.

Was seine Rede ausdrückt, hat er bereits 1984 in der SPEX mit seinen wohl schönsten und für einen Zerstörer wie ihn erbauendsten Sätzen gesagt: »Wer richtig lebt, macht nichts falsch. Es kann lange dauern, bis man zu sich durchdringt, die besonderen, seltsamen Wege und Umwege der eigenen Entwicklung, alle Lächerlichkeiten, Peinlichkeiten, das Schräge, Komische, Andere der äußeren und inneren Bedingungen nicht nur zu bekämpfen, sondern zu lernen, davon zu lernen.« Wie ein kleines Kind warte ich auf die nächste Äußerung Rainald Goetz, für die er sich die Zeit nehmen wird, die er braucht, damit er sich das Heft, in dem der Mitschrieb dieser für ihn und mich so neuen Phase seines schreibenden Lebens, nicht aus der Hand nehmen lässt.