Beitragsseiten

Am Tisch mit Herrn Setz

von Marlene Hartmann, Friederike Klett, Manuel Paß, Niklas Schmitt und Lisa Strauß (17. Juli 2016)

 

© Manuel Paß

 

Clemens Setz ist nicht nur Erfolgsschriftsteller, sondern neben seiner zusätzlichen journalistischen Tätigkeit auch noch reger Twitterer und erklärter Grottenolm-Liebhaber. Für seine Prosa wird er regelmäßig mit Preisen geehrt, Leser und Feuilleton lieben ihn trotz, oder gerade wegen seiner oft abseitigen Art zu erzählen. Nach zahlreichen Romanen, Erzählungen und einem Gedichtband erschien Mitte letzten Jahres sein über 1000 Seiten starker Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Im Rahmen seiner diesjährigen Poetikprofessur in Bamberg trafen wir den Grazer Autor zum Interview – ein Gespräch über vergessene Wörter, die Kunst des Sammelns und den Wert des Obskuren, über Twitter-Morddrohungen und die Poesie von Computerspielen.

 

Rezensöhnchen: Im SUHRKAMP LOGBUCH  definierten Sie vergessene Wörter der deutschen Sprache neu. Arbeiten Sie schon an weiteren »Neudefinitionen«?

Clemens Setz: Ja, das habe ich aber schon länger nicht gemacht, weil sich das nicht wirklich veröffentlichen lässt. Aber ich lese immer gerne im Grimm-Wörterbuch – vielleicht das wichtigste Buch überhaupt für Leute, die schreiben.

Herr Setz zückt das Smartphone und sucht in seiner Liste nach neuen »Umdeutungen«.

Ich glaube, da habe ich noch eines, das ich nicht veröffentlicht hab, nämlich die Zwisse. Ich hab das so umformuliert: ZWISSE, f.: seltener Moment, wenn eine Reflexion von ihrem Urbild kaum zu unterscheiden ist. Beispielsatz: Bei Windstille entsteht im See eine eindrucksvolle Zwisse der gesamten Landschaft.

Ich hab‘ leider vergessen, welche ich davon veröffentlicht hab‘ und welche nicht. Aber ich zeige Ihnen meine Liste, wir können ja eines erfinden:

Marlene: Was ist denn eine Sprücke? Grindlhammer find‘ ich toll!

Setz: Ich hab‘ leider vergessen, was die Wörter bedeuten. Das müssten wir jetzt nachschauen im Grimm-Wörterbuch. Sprenzerling find ich sehr süß.

Marlene: Gurfei. Könnte eine Erweiterung sein, vom fränkischen fei.

Setz: Was heißt das?

Niklas: Hat eigentlich keine rechte Bedeutung. Mehr ein Füllwort.

Setz: Wie ein ja, oder ein aber? »Das ist aber schön.« Was könnte dann Gurfei bedeuten? Wenn‘s Maskulinum ist?

Lisa: Vielleicht auch der Superlativ von fei.

Setz: Da steckt auch das wienerische ur für sehr drinnen.

Manuel: Und goar.

Setz: Gurfei: ein Mensch, der immer fei sein will, in jedem Satz.

Marlene: Der das in jedem Satz benutzt.

Setz: Ja, oder in Sätzen, wo’s gar keinen Sinn ergibt.

Marlene: Also ein Möchtegern-Franke?

Setz: Genau.

Friederike: Ein alter Mensch, der in jungen Tagen nach Franken gekommen ist, und bis heute hat er’s nicht ganz verstanden.

Setz: Genau. Jemand ist zum Beispiel Zahnarzt und sagt: »Jetzt werden wir fei hier diese Brücke noch etwas festigen.« Das funktioniert aber so nicht. Er verwendet‘s einfach überall, wo er denkt, dass es passt.

Manuel: Jemand, der sich anbiedern will?

Niklas: Ein Dialekt-Schmarotzer! Wo er hinkommt, übernimmt er den Dialekt, kann ihn aber nicht ganz. Das ist dann der Gurfei. Ich ziehe nach Wien und versuche Wienerisch zu reden, das funktioniert aber natürlich nicht. Dann bin ich der Gurfei.

Setz (wienerisch): Ge, schau da den Gurfei an.

Unsere Definition: GURFEI, m.: Person, die sich durch exzessive Falschverwendung dialektaler Eigenheiten lächerlich macht.