Der Pulsschlag der Literatur

von Florian Grobbel (4. April 2019)

 

Als wir vom Fuße des Hügels den Weg hinauf schlendern, erblicken wir schon von weitem die gläserne Halle des Leipziger Messegeländes. Ein unaufhörlicher Strom von Menschen, die Minuten zuvor noch dicht gedrängt in der S-Bahn standen, bewegt sich unaufhörlich auf die Eingänge zu und  alle scheinen verblüfft zu sein von dem sommerlich warmen Wetter an diesem Samstag im März – dem Tag der Leipziger Buchmesse.

Auch wir können es nicht länger erwarten und betreten durch die Edelstahlkreuze das Herzstück der Messe. Das Ausmaß der riesigen Glashalle beeindruckt uns so sehr, dass wir spontan stehen bleiben und die Größe auf uns wirken lassen. Kurz darauf werden wir von einem Sicherheitsmann freundlich darauf hingewiesen, doch bitter weiterzugehen und den Eingangsbereich für die Anderen frei zu halten. Wir gehen weiter und unser Blick schweift immer wieder zu der beindruckenden Glasdecke, durch die das warme Sonnenlicht herein scheint. Doch jetzt heißt es erst einmal: Orientieren. Wohin gehen wir als erstes? Wo stehen unsere Lieblingsbücher? An welcher Stelle stehen wir niemandem im Weg? Glücklicherweise ist das Messegelände trotz Menschenmassen sehr übersichtlich strukturiert. Wie durch einzelne Blutbahnen gelangt man über Gänge zur rechten und linken Seite des Glasbaus in die fünf großen Hallen. In den Schleusen herrscht ständig Bewegung. Ununterbrochen strömen die Bücherhungrigen hinein und hinaus, angeleitet vom entspannten Sicherheitspersonal. 

Ähnlich wie beim Betreten des Messegeländes wird man auch in den einzelnen Hallen zunächst erst einmal mit der unglaublichen Masse von Menschen und Büchern konfrontiert. Ein wenig hilflos stehen wir zunächst dort, werden dann aber schnell in den Fluss integriert und schwimmen mit ihm durch die einzelnen Gänge der Halle. Sobald es uns möglich ist, bleiben wir stehen und verharren bei den Verlagen unserer Lieblingsautoren. Begeistert begutachten wir Neuerscheinungen und lassen uns von unbekannten Einbänden verzaubern. Wir merken uns konzentriert neue Werke für unsere Leselisten und legen Bücher nach dem Studium des Klappentextes enttäuscht wieder zurück. In der Messebuchhandlung werden wir dann herausgefordert, Herr über unsere Geldbörsen zu bleiben und nicht gleich allen Büchern ein zu Hause zu schenken. 

Mittlerweile sind wir vollgepackt mit Taschen, Tüten und Infobroschüren allerlei Verlage und Fernsehsender, für die wir freiwillig zur Werbefläche geworden sind. In der Glashalle tanken wir wieder Kräfte und an einem sonnigem Plätzchen auf dem Hügel über dem Messepark gibt sich die Gelegenheit, einmal in aller Ruhe die Vielzahl der Besucher auf sich wirken zu lassen. Hier oben fällt sie uns dann auf: Die wahre Größe der Buchmesse. Dort vor uns tummeln sich tausende Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Junge und Alte, Schmale und Breite, Einzelgänger und Gruppen. Darunter findet man eine große Zahl von bunt gekleideten Cosplayern, die das Treiben noch viel lebhafter erscheinen lassen. Doch so verschieden all diese Leute sind, so verbindet sie an diesem Tag eines: Die Liebe zur Literatur.

Sicher, es gibt große Unterschiede, wie diese Liebe aufgefasst wird und manchmal kommt es auch zu Spannungen. Alt-eingesessene Freunde der gebildeten Literaturgenres fühlen sich gelegentlich belästigt von jungen Cosplayern, die mit ihren Sensen und überdimensionalen Kleidern im Wege stehen. Genauso gibt es auch geringe Ausnahmen bei den jugendlichen Lesern, die ihre geliebte Halle 1 der Manga- und Comiccon am liebsten nur für sich in Anspruch nehmen wollen und akademische Literaturfreunde misstrauisch beäugen. Immer mal wieder wird die Frage gestellt: Was ist überhaupt Literatur? Gehören Romane von Nicolas Sparks oder Iny Lorentz dazu? Geschweige denn knallige Bildergeschichten, die man von hinten nach vorne liest? 

Doch wenn man oben auf dem Hügel über der Leipziger Buchmesse sitzt und all diese Menschen sieht, erübrigt sich diese Frage. Unaufhörlich werden die Literaturfreunde von der zentralen Glashalle durch die Arterien der einzelnen Gänge in die Hallen gepumpt. Dort treibt es sie zu den unterschiedlichsten Ständen und Büchern, die wie einzelne Organe eines Körpers völlig verschiedene Funktionen und Eigenschaften haben. Aber ganz egal, ob es die kleinen Besucher-Blutkörperchen zu Iny Lorentz, Denis Scheck oder Hiro Mashima zieht; wir alle haben eine gemeinsame Passion, die man in dieser Form nur auf der Leipziger Buchmesse verspüren kann: Wir halten den Pulsschlag der Literatur am Leben.