„Glück Auf“, Fahrräder und ein Bild von Hitler

von Friederike Klett (14. April 2019)

© Wolfgang Vichtl

Im Bamberger ETA Hoffmann Theater fand am Samstag, dem 06. April, ein besonderes Gespräch statt. Die Gerichtskorrespondentin der Süddeutschen Zeitung, Annette Ramelsberger, sprach mit Remsi Al Khalisi nicht nur über den NSU-Prozess, rund um die von der Terrorzelle verübten Morde, die zwischen 1998 und 2011 stattgefunden haben, sondern speziell über den ungewöhnlichen Fakt, dass die Journalistin den fünfjährigen Prozess komplett protokolliert hat. 

Zu Beginn des historischen Gerichtsverfahrens wurde ein Antrag auf Aufzeichnung wegen seiner extremen gesellschaftlichen und juristischen Bedeutung gestellt, der bereits am 4. Tag abgelehnt wurde. Annette Ramelsberger schrieb über das Verfahren für das Süddeutsche Zeitung Magazin und nahm es als ihre Pflicht alles mitzuschreiben. Diese Protokolle sind jährlich, neben den Artikeln in der SZ im SZ Magazin erschienen, immer über das gerade vergangene Jahr, und jetzt auch in vier Bänden im Kunstmann Verlag. 

Der Abend begann mit der Lesung einiger Auszüge durch Mitglieder des Theaterensembles. Es ging darum, wie lang die Polizei von Morden an Menschen mit türkischem Migrationshintergrund durch Menschen mit türkischem Migrationshintergrund ausgegangen ist, wie stur weiter in die falsche Richtung ermittelt wurde und zwei deutschaussehende Männer auf Fahrrädern nur als mögliche Zeugen in Frage kamen. Als die Zeugen nicht vernommen werden wollten, wurde weiter gegen einen dunkelhäutigen Mann mit einem Auto ermittelt, als sich das aber als definitiv falsch herausstellte, wurde von vorn angefangen. Die drei Mitglieder des NSU, Uwe Böhnhard, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, lebten lange Zeit unter falschen Namen in Zwickau und ihre Nachbarn schienen ebenfalls mit den offensichtlichen Teilen ihrer Ideologie keine Probleme zu haben. Zschäpe nannte sich Susanne Dienelt und wurde liebevoll Didl-Maus genannt („Ihr Name war Dienelt und sie war eine Maus.“). Einer der Nachbarn besaß einen Jutebeutel mit Hakenkreuzaufdruck, eine Flagge mit einem Hakenkreuz im Keller und ein Bild von Adolf Hitler. Auf die Frage, ob er sich dem rechten Spektrum zuordne, verneinte er. Er sei ganz normal, fand seine Nachbarn immer nett und hätte sie mit „Glück Auf!“ begrüßt, das sei alles. 

Diese vermeidliche Normalität begegnete dem Zuschauer an diesem Abend häufiger. Mag es die ausgemachte Strategie von Nazis vor Gericht sein, die menschenverachtende Ideologie zu verleugnen, während andere sich gleich von Szeneanwälten vertreten lassen, die in der Verteidigung Goebbels zitieren, so fehlt dem Zuschauer oft ein schockiertes Zurückschrecken, ein Zugeben oder sogar ein vielleicht utopisches Umdenken. Die Friseurin, die Zschäpe ihre AOK-Karte lieh, damit diese sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen lassen konnte, wollte nichts mit rechtem Gedankengut zu tun gehabt haben. Der Vater von Uwe Mundlos, ein emittierter Professor für Informatik, packt im Zeugenstand einen Apfel aus und beginnt während seiner Vernehmung diesen zu essen. Er wird gefragt, ob er mit seinem Sohn über dessen politische Verordnung gesprochen habe. Er antwortet, er habe ihm gesagt, dass die Ideologie realpolitisch nicht umsetzbar wäre und betont den angeblich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn des damals Jugendlichen. Ob er auch inhaltlich diskutiert hätte und ob das nicht sogar seine Verantwortung als Erziehungsberechtigter gewesen wäre? Der Mann wird ausfällig gegenüber dem sonst stoischen Richter, der dann ein Ordnungsgeld verhängt. Der Verfassungsschutzmitarbeiter, der während einer der Hinrichtungen im Internetcafe des Ermordeten Halit Yozgat saß und in Chats flirtete, obwohl er bei seiner Frau hätte sein sollen, sagt er habe nichts bemerkt. Die Polizei hat der Witwe Enver Şimşeks das Bild einer jungen blonden Frau gezeigt und gesagt, dass dies die Geliebte ihres verstorbenen Mannes gewesen sei, mit der er auch Kinder hätte. Das stimmte natürlich nicht, sondern sollte dazu dienen irgendwelche Informationen für die Ermittlungen zu bekommen, obwohl ein solches Verfahren illegal ist. 

Dann betrat Annette Ramelsberger die Bühne und setzte sich mit Remsi Al Khalisi zum Gespräch hin. Sie reiht den Prozess rund um den Nationalsozialistischen Untergrund in eine Reihe mit dem Auschwitzprozess, den RAF-Prozessen und den Honnecker-Prozessen, die der Aufarbeitung der DDR galten. Dieser historische Status war auch der Grund dafür, dass die Ablehnung des Antrags auf Aufzeichnung schockierend war und an Geschichtsvergessenheit denken ließ. Auch der Auschwitz-Prozess sollte ursprünglich nicht aufgezeichnet werden, zumindest nicht für die Nachwelt. Das veranlasste die Gerichtskorrespondentin, die damals noch nicht mit einer Länge von fünf Jahren rechnen konnte, dazu, mitzuschreiben.

Es klingt wie eine Heldentat und ziemlich sicher ist es auch eine. Doch Ramelsberger hat eine vollkommen unaffektierte Attitüde, spricht anschaulich, aber sachlich. In dem Gespräch dreht es sich dabei bei Weitem nicht bloß um ein Gerichtsverfahren, sondern um viel mehr. Es geht um eine Epoche der Bundesrepublik Deutschland, eigentlich um den Beginn des Deutschlands, das es heute gibt, erst seit achtundzwanzig Jahren. Wie konnte es dazu kommen, dass Rechte sich nahezu ungestört organisieren konnten und es auch jetzt noch können? Wie kommt es dazu, dass es erst in München sichtbar wird, dass ein Anwalt im Gerichtssaal Nazi-Lieder singt, während ein junger Mann von dem Trauma berichtet, wie sein Vater ermordet wurde? Die Antwort wird eigentlich mitgeliefert, wenn Ramelsberger sagt, dass ihre Fragen danach, ob es möglich sei, dass sich eine „rechte RAF“ formiert hat, mit einem Verweis auf die Dummheit der Nazis zurückgewiesen wurde. Die Unterschätzung sitzt auch heute noch in den Stammtischen der Nation, in Familienfesten und in Gesprächen mit den Nachbarn. 

Die Fragen aus dem Publikum beschäftigten sich zu Beginn mit ihrer Arbeit als Gerichtskorrespondentin in einem solchen Verfahren, doch auch hier ging es schnell zu unserer Lebensrealität über, in der Nazis wieder Raum einnehmen. Das ist das Gefühl, das Menschen haben, allerdings waren die rechten Strömungen nie verschwunden, nur die Ignoranz gegenüber ihnen war größer. 

Das Urteil ergab lebenslange Haft für Beate Zschäpe, wegen Mittäterschaft zum Mord in zehn Fällen, Brandstiftung und versuchtem Mord an der Nachbarin, die sich noch in dem brennenden Haus befand. Ralf Wohlleben wurde zu zehn Jahren in Haft verurteilt, er war die sogenannte „Spinne im Netz“. Carsten Schultze, ein langjähriger NPD-Funktionär wurde nach Jugendstrafrecht zu drei Jahren verurteilt. André Eminger wurde wegen dem Bombenanschlag auf eine junge Frau in Köln zu einer Strafe von zwei Jahren und sechs Monaten für Beihilfe zum versuchten Mord verurteilt. Holger Gerlach, der dem Trio im Untergrund Führerschein und Waffen besorgt hat, bekam drei Jahre Haft.

Wahrscheinlich wird Revision eingelegt werden und wahrscheinlich wird sich an den Urteilen nicht viel ändern. Trotzdem muss sich etwas ändern, weniger jedoch in der Justiz. In der Zivilgesellschaft wird Rechtsextremismus Stück für Stück normalisiert und rassistische Vorurteile und Ressentiments bleiben im Raum stehen, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann in Luft verwandeln oder verschwinden, wenn wir nicht darüber sprechen. Annette Ramelsberger hat recht, wenn sie sagt, wir müssen uns alle häufiger gegen den schönen Abend entscheiden.