Im Gespräch mit Michael Köhlmeier

von Tanja Bleier, Florian Grobbel und Jana Lickteig (11. Juli 2019)

© Heike Bogenberger


Im Rahmen der 32. Poetikprofessur ist der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier zu Gast an der Universität Bamberg und hält eine vierteilige Vortragsreihe. Vor dem Begleitseminar zur Professur hat sich das Rezensöhnchen mit dem Autor getroffen und ihm einige Fragen zu seinem Werk gestellt.

Rezensöhnchen: Herr Köhlmeier, die Poetikprofessur ist jedes Jahr ein Highlight an der Universität Bamberg - was ist Ihr persönliches Anliegen dabei?

Michael Köhlmeier: Zunächst bin ich da etwas egoistisch, denn ich nutze die Gelegenheit, um etwas zu tun, was ich sonst eigentlich nicht mache – ich reflektiere auf einer Metaebene über meine eigene Arbeit. Ich habe mit der Poetikprofessur also vier Vorlesungen Zeit, um darüber zu sprechen, was für mein ganzes Schreiben von Anfang an bis heute wichtig war und ist. Naheliegend ist es, über mein aktuelles Schreibprojekt zu sprechen. Allerdings fehlt mir dafür der Abstand und ich habe Angst, dass das, was ich schreiben wollte, einfach weg ist, wenn ich zu viel darüber nachdenke. Das möchte ich lieber verhindern und spreche also rückblickend über vier mir wichtige Themen. Was dann die Hörer daraus ziehen, liegt an ihnen selbst. Vielleicht gibt es ja Menschen, die etwas aus meinen Erfahrungen lernen möchten. Das würde mich freuen.

Wenn man sich Ihr literarisches Werk anschaut, stellt man fest, dass Ihre Themen sehr verschieden sind. Beispiele sind ein Roman über die Freundschaft zwischen Churchill und Chaplin oder eine Charakterstudie über 33 unterschiedliche Arten des Menschen. So verschieden diese Bücher sind, wo liegen die Gemeinsamkeiten?

Ich finde es natürlich gar nicht unterschiedlich. Ich hatte immer das Gefühl, eines ergibt sich aus dem Vorhergehenden. Wenn man sich als Beispiel das Buch über Chaplin und Churchill anschaut: Ich habe davor den Roman Abendland geschrieben und dort sollte die Hauptfigur irgendwann Churchill und Chaplin begegnen. Im Endeffekt tritt Chaplin in der Szene nur einmal durch Türe, auch Churchill taucht nur für einen kurzen Moment auf. Durch meine Recherchen habe ich zwar gewusst, dass sich die beiden gekannt und geschätzt haben, aber in diesem Roman ist das nicht aufgegangen. Und plötzlich sage ich mir: „Das ist gut. Darüber könntest du etwas schreiben“. Das bahnte sich also ganz langsam an.

Viele Themen Ihrer Arbeit entnehmen Sie der Vergangenheit. Einer Ihrer Schwerpunkte sind Mythen und Märchen. Warum sollte man diese Stoffe auch heute noch lesen?

Ich möchte keine Anleitung geben: Wer sie nicht lesen möchte, soll sie nicht lesen. Es käme mir aber sehr merkwürdig vor, wenn sich ein Schriftsteller oder besser gesagt ein Erzähler nicht für Mythen, Märchen, Legenden oder für die großen Erzählströme interessieren würde. Das wäre, wie wenn ein Schreiner sagen würde: „Ich bin ein leidenschaftlicher Schreiner, aber Holz interessiert mich eigentlich nicht.“ Ich habe mich immer als Erzähler gesehen und gerade eine Erzählung spielt ja immer im Präteritum, also in der Vergangenheit. Bei Romanen, die im Präsens geschrieben sind, ist das Präsens ein verstecktes Präteritum – ein Imperfekt. Beim Erzählen ist der Blick nach hinten also schon dadurch inbegriffen, dass etwas in der Vergangenheitsform erzählt wird. Dieser Originialitätsstress, etwas völlig Neues ohne jeglichen Hintergrund machen zu müssen, ist erst in der Moderne aufgekommen.

Was macht Erzählen für Sie aus?

Im Prinzip stellt man immer fest, dass man selbst doch auch in einer Tradition steht. Sieht man sich als Erzähler, gibt man immer einen Staffelstab weiter. Auch wenn ich eine Geschichte schreibe, kann man keine Geschichte restlos neu erfinden.

In welcher Erzähltradition sehen Sie sich?

In unserer abendländischen Kultur sehe ich vor allem vier große Erzählströme. Die griechische Mythologie ist einer davon. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich damit und habe immer noch das Gefühl, ganz am Anfang zu stehen. Der zweite Erzählstrom ist der jüdisch-christliche. Darunter fallen die biblischen Geschichten, auch diejenigen, welche nicht in der Bibel stehen – also zum Beispiel Apokryphen, Evangelien und verrückte Heiligenlegenden. Als dritten Strom sehe ich den Einfluss aus dem Orient, zum Beispiel 1001 Nacht, an. Dazu kommt die große Märchenkultur, die immer allgegenwärtig ist. Im Gegensatz zu den regional oder national begrenzten Mythen spielen Märchen an keinem bestimmten Ort zu keiner bestimmten Zeit, sie spielen also immer und überall. Wir entdecken Märchenmotive der Brüder Grimm in den Märchen der Inuit und der australischen Ureinwohner – das ist wirklich die Literatur der gesamten Menschheit. Zu sagen, das alles interessiert mich nicht, käme mir für einen Erzähler als ein unglaublicher Snobismus vor.

Welches Motiv interessiert Sie besonders?

Nehmen wir mal Odysseus her: Seine Aktualität wird durch einen Widerspruch erreicht, denn Homer stellt mit Odysseus den treuesten untreuen Ehemann dar, den man sich vorstellen kann. Er verzichtet auf das ewige Leben bei ewiger Manneskraft und ewiger Jugend, obwohl er weiß, was nach dem Tod passiert. Und das alles nur, weil er seine Frau wiedersehen möchte. Zugleich ist er der größte Schlawiner, der jeder Frau nachstellt. Ich wüsste in der gegenwärtigen Literatur keine derartig präsente Figur wie dieser 2800 Jahre alte Entwurf von Homer.

Die Mythen aus der griechischen Antike wurden schon oft neu erzählt. Worauf legen Sie in Ihrer Neuerzählung den Fokus?

In den Neunziger Jahren habe ich mit dem Erzählen begonnen - für eine Sendung des Österreichischen Rundfunks. Einer der Literaturchefs hat mich gefragt: „Könntest du nicht ein bisschen aus der griechischen Mythologie erzählen?“. Zwar war ich bis dahin noch nie in Griechenland, aber mit den Mythen hatte ich mich bereits beschäftigt und dachte, dass ich wirklich viel weiß. Wenn ich mich heute daran zurückerinnere, bekomme ich einen roten Kopf, dass ich mich überhaupt getraut habe, etwas darüber zu erzählen.

Aber ich habe die Mythen nie in der Vergangenheit verortet, sondern immer gedacht: „Penelope wartet auf ihren Mann.“ In unserer Nachbarschaft gab es eine Frau, die auch ihr Leben lang auf ihren Mann gewartet hat. Jeder hat gewusst, dass er weg ist. Sie hat trotzdem immer beharrlich gewartet. Das war für mich die lebende Penelope. So habe ich bei sehr vielen Figuren aus der griechischen Mythologie bei Leuten aus meiner Bekanntschaft gedacht: Das ist ein Odysseus oder das ist ein Achill. Das wiederum hat für mich den Beweis geliefert, dass Mythen und Märchen eigentlich immer in der Gegenwart spielen. Manche der mythologischen Figuren verschwinden aus dem Interesse, weil sie sich in der Gegenwart nicht mehr einlösen lassen. Im 19. Jahrhundert war Achill die Figur der Ehre. Das interessiert heute niemanden mehr. Aber ein solch widersprüchlicher Mann wie Odysseus ist eine ungeheuer moderne Figur. Plötzlich erscheint Odysseus uns als Zeitgenosse, Achill aber nicht mehr. Das kann sich jedoch wieder ändern.

Was ist Ihre Schreibroutine? Wie gehen Sie vor, wenn Sie mit einem Roman oder einer Novelle beginnen?

Ich schreibe immer, wenn ich Zeit habe. Ich kann überall schreiben. Wenn Professor Marx mir sagen würde: „Die Vorlesung hat sich um zwei Stunden verschoben“, dann würde ich mich mit meinem Computer hinsetzen und nahtlos weiterschreiben. Und warum ist das so? Weil ich die Geschichte permanent im Kopf habe. Auch wenn ich nicht unmittelbar am Schreiben bin, schreibt es in mir. Am besten funktioniert es, wenn ich mich relativ früh an die Arbeit mache. Wenn ich am Vormittag keine Zeit habe, setze ich mich auch mal abends hin. Aber lieber ist mir trotzdem der Vormittag (lacht).

Natürlich habe ich eine Routine. Es wäre gelogen, das abzustreiten. Gleichzeitig ist das Abenteuer des Neuen bei jedem Start, bei jedem Buch vorhanden. Es ist immer etwas dabei, das man noch nie probiert hat. Es gibt Tage, da beende ich am Abend, was ich geschrieben habe und denke mir: „Thomas Mann ist ja nicht schlecht, aber was ich heute geschrieben habe, ist ungefähr das Beste, was in deutscher Prosa je geschrieben wurde.” In dem Moment kommt die Routine ins Spiel und blinkt als Warnanlage auf. Sie erinnert mich daran, meine Arbeit am nächsten Tag nochmal in Ruhe durchzulesen. Gleichzeitig bewahrt sie mich auch davor, vermeintlich schlechte Texte sofort in den Müll zu werfen. In solchen Situationen denke ich: „Na gut, heute lief es nicht gut. Vor drei Tagen hast du doch noch gemeint, du seist der beste Schriftsteller aller Zeiten, lies doch die letzten Seiten nochmal durch!” Dann muss man sich davor hüten, zu alten Büchern zu greifen: „Ich habe doch Bücher geschrieben, für die ich sogar mal einen Preis bekommen habe. War denn die Jury von Sinnen?” Das ist die einzige Schreibroutine, auf die ich mich verlassen kann.

Landen Schreibversuche auch mal in der Schublade, sodass sie nie jemand zu Gesicht bekommt? 

Wie sieht die Schublade denn heutzutage aus?           

Gemeint ist natürlich ein Papierkorb auf dem PC.

Ich habe mir angewöhnt, jede Variante eines Textes aufzubewahren. Zwar schaue sie mir nie an, aber ich beschrifte sie immer. Ich habe ansonsten keine große Ordnung bei meinen Dingen, aber auf meinem Computer achte ich schon darauf. Denn manchmal erinnere ich mich daran, dass ich eine bestimmte Idee bereits früher formuliert habe. Was ich damals in einem anderen Zusammenhang wegwerfen wollte, kann ich jetzt aber gebrauchen.

Mal zu einem konkreten Text von Ihnen: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Warum hatten Sie das Gefühl, dass Sie diese Novelle schreiben mussten?

In den 80er Jahren saß ich in Wien auf dem Naschmarkt in einem Straßencafé und beobachtete ein Mädchen. Es war etwa sechs Jahre alt und stand ganz allein da. Sie wäre niemandem aufgefallen, auch mir nicht, wenn ich vorbeigegangen wäre. Ich habe angefangen zu überlegen, was sie hier wohl macht - diese Szene bildet ja auch den Anfang der Novelle. Wartet sie auf jemanden? Ist sie illegal mit ihrer Familie hier?

Diese Geschichte blieb mir immer im Kopf. Später habe mich ausführlicher mit der Thematik der Kinder beschäftigt, die nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs unbegleitet in den baltischen Staaten lebten. Wie Wolfskinder lebten sie in kleinen Banden im Wald mit den Tieren zusammen, verloren ihre Sprache und waren vollkommen auf sich gestellt. Mir war bewusst, dass es auch in Wien und anderen europäischen Großstädten Kinder gibt, die ganz im Untergrund leben und ich fragte mich, wie wohl so eine Gruppe von Kindern überleben würde. Ich hatte beim Schreiben nicht die geringste Ahnung, worauf der Text hinauslaufen würde. 

Ich wurde während des Schreibvorgangs im Prinzip dieses Kind Yiza und erlebte die Planung mit, die nicht weiter als zur nächsten Mahlzeit oder zum nächsten Schlafplatz geht. Auch als die beiden Kinder Yiza und Arian den etwas älteren Shamhan plötzlich in der Polizeistation verlieren, habe ich mich selbst gefragt, was sie jetzt wohl machen werden. Klar war mir nur, dass ich Yizas Überleben im Winter beschreibe, danach konnte ich sie wieder in Ruhe lassen.

Für mich war das ein aufregendes Abenteuer. Mir war auch bewusst, dass ich Yizas Geschichte mit einem besonderen Sprachstil schreiben musste. Dafür habe ich eine journalistische, objektive, knappe und fast schon empathielose Sprache entwickelt. Sonst wäre das Ganze kitschig, schmierig und arrogant geworden.

Eine letzte kurze Frage: Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch? 

Also wenn das wörtlich gemeint ist, sind das Vorlesungen von Derrida…

In diesem Moment betritt Professor Marx den Raum, um Herrn Köhlmeier zum Seminar abzuholen, das in Kürze beginnt. 

Marx: Das wird jetzt aber länger dauern mit Derrida!

Köhlmeier: Nein, ich sage nur: Auf meinem Nachttisch liegt ein Band von Derrida mit Vorlesungen über Tiere. (Alle lachen)

Rezensöhnchen: Vielen Dank für das Gespräch.